Fashion & Lifestyle
Alena Gerber
Still. Stark. Selbst.
Veröffentlicht
Autor
Yasmin Witt
Fotos
Frank Löschke, Peter Müller, Jeremy Möller / Vogue, Annabell Heidenreich, NAAMI
Tags
Fashion & Lifestyle

Vor einem Jahr sprach sie darüber, wie sehr sie die Ruhe in Griechenland mit ihrer Familie genießt und wie sie das Familienmanagement zwischen Bundesliga und Business Class organisiert. Jetzt eröffnet sie als erstes deutsches Model die Miami Swim Week, unterschreibt bei Elite Models – und bleibt dennoch fest in ihrem Alltag in Bremen verankert. Ein Gespräch über Kontraste, innere Werte, Teamwork, die Kraft von Mutterschaft und darüber, wie man in einer Welt voller Lärm seine eigene Stimme bewahrt.
Alena, letztes Jahr erzählten Sie in einem Gespräch, wie sehr Sie die Ruhe in Griechenland mit Ihrer Familie genießen – jetzt eröffnen Sie die Miami Swim Week und unterschreiben bei einer der renommiertesten Modelagenturen der Welt. Wie fühlt sich dieser Kontrast an?
Alena Gerber Ich genieße ihn. Ohne einen wirklich großen Kontrast kann diese Branche auch ganz schön übermannend sein. Zwischen mir, der privaten Alena, und meinem beruflichen Ich liegen große Unterschiede. Ich bin in meiner Freizeit ungeschminkt, trage gemütliche Kleidung und interessiere mich nicht sonderlich für Mode oder Trends. Ich backe Muffins mit meiner Tochter, gehe mit meinem Hund ins Grüne, rupfe Unkraut aus dem Garten, sammle Energie und Abstand – und stürze mich dann voller Elan ins nächste Abenteuer. Ein Kontrast, der für mich wichtig und gesund ist.
Was bedeutet Ihnen der neue Vertrag bei Elite Models – auch im Rückblick auf Ihre Anfänge, als die Modewelt noch ohne Likes und Filter auskam?
Alena Gerber Bei Elite unter Vertrag zu stehen, davon habe ich als Zwölfjährige heimlich geträumt. Davon träumt, glaube ich, jedes Model weltweit. Damals war ich noch ganz am Anfang, voller Zweifel, ob dieser Weg überhaupt lange für mich funktioniert und sich für mich als richtig erweist. Ich habe mich nicht getraut, mich dort zu bewerben, ich war viel zu ehrfürchtig bei Namen wie Gisele Bündchen, Adriana Lima und Co. Und als ausgerechnet die Agentur meiner Träume auf mich zukam – mein Herz hat bis zum Hals geklopft, ich habe mich so unglaublich gefreut. Als ich angefangen habe, gab es keine Filter, keine Likes, nur harte Arbeit, viel Disziplin und Professionalität. Jeder noch so kleine Makel hätte das Ende der Karriere bedeuten können. Das hat mich auch menschlich geprägt.
Sie sind Mutter, Moderatorin, Schauspielerin – und jetzt international wieder so präsent wie selten zuvor. Gibt es Momente, in denen Sie bewusst sagen: „Jetzt reicht’s“?
Alena Gerber Ja, die gibt es. Dann setzen wir uns als Familie an den Tisch und sprechen in Ruhe darüber, wie wir es ausgleichen können. Manchmal tritt einer von uns bewusst kürzer, damit das Gleichgewicht zu Hause stimmt. Mein Mann und ich gehen Hand in Hand durch all die Aufgaben, die unsere beruflichen Leben mit sich bringen.
Und ich habe gelernt, dass es völlig in Ordnung ist, auch einmal Nein zu sagen. Etwas, das ich in all meiner beruflichen Laufbahn als Model nie kannte oder konnte. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen, Kunden oder Agenturen zu enttäuschen, stand selbst mit einer Lungenentzündung vor der Kamera. Jedes Nicht-Verfügbar-Sein bedeutete, dass du ersetzt werden kannst durch ein anderes Model, das sie fortan lieber mögen. Damit konnte ich lange nicht gut umgehen – nun aber schon. Und ironischerweise hat genau das meiner Karriere keinen Abbruch getan, sondern sie geschliffen. In meinen Aufträgen wählerischer zu sein, war einer der besten Schritte, die ich hätte gehen können. Und heutzutage kann ich guten Gewissens sagen, dass alle Marken, die ich repräsentiere, auch wirklich einwandfrei zu mir passen.
In der letzten Saison sind Sie 14 Shows gelaufen – ein Marathon für jede Model-Mama. Wie organisieren Sie sich, wenn Job, Familie und Reisen ineinandergreifen?
Alena Gerber Das funktioniert nur mit einem tollen Team – und damit meine ich in erster Linie meine Familie und meine Freundinnen, die immer spontan einspringen, wenn ich mal wieder spontan in den Flieger hüpfen muss und Oma und Opa nicht rechtzeitig akquiriert werden konnten. Ich versuche, sobald ich Termine erfahre, alles zu organisieren, lasse aber insbesondere im Privatleben auch viel Raum für Spontaneität und ruhige Momente. Und manchmal wird der Laptop eben am Flughafen aufgeklappt oder ich backe nachts Muffins für die Schule. Stress macht mir nicht viel aus, ich habe früh gelernt, gut damit umzugehen, und fühle mich mit einer Prise Trubel grundsätzlich wohler als mit zu viel Nichtstun.
Sie haben einmal gesagt, dass die Mutterrolle Ihnen Kraft und Klarheit gegeben hat. Wie hat sich diese Haltung im letzten Jahr verändert – auch in Bezug auf Weiblichkeit und Ambitionen?
Alena Gerber Muttersein hat mir ein neues Fundament gegeben. Es macht mich gelassener, aber gleichzeitig auch fokussierter.
Ich habe ein klareres Gefühl für das, was wirklich wichtig ist – und das hat meine Weiblichkeit und auch meine Ambitionen noch einmal neu geprägt. Ich habe gelernt, liebevoller mit mir selbst zu sein, nicht immer alles perfekt machen zu müssen. Weiblichkeit hat für mich viel mit Stärke, aber noch mehr mit Sanftheit zu tun. Besonders meinem Kind und mir selbst gegenüber.
Ihr Mann, Clemens Fritz, ist in der Bundesliga stark eingebunden – wie funktioniert das familiäre Zusammenspiel, wenn Sie auf Reisen sind?
Alena Gerber Gut, und vielleicht sind wir auch deshalb nach über 10 Jahren noch total verliebt ineinander. Wir sind ein Team und genau so leben wir es. Wenn er viel unterwegs ist, halte ich seinen Rücken frei – und umgekehrt auch. Wenn wir zu Hause sind, sind wir ganz bei uns. Das gleicht alles andere sofort aus.
Von außen wirkt Ihr Leben oft glamourös. Wann haben Sie zuletzt etwas ganz Einfaches getan, das Sie tief erfüllt hat?
Alena Gerber Gestern! Ich habe 30 Katzenklos im Tierheim Treppen rauf und runter getragen, die Gehege geputzt und in die Augen der Tiere geschaut, die so glücklich über ein bisschen Liebe und Zuwendung sind – das erfüllt mich jedes Mal tiefer als jeder berufliche Erfolg. Und noch etwas Wunderschönes fällt mir ein: Letzte Woche saß ich mit Freundinnen zusammen und drei von ihnen sagten mir, dass ich ihr Leben schöner, leichter, positiver und glücklicher gemacht habe, seit wir einander kennen. Ich habe vor Ergriffenheit geweint. Ein schöneres Kompliment kann ein Mensch einem anderen nicht machen, finde ich. Ich habe unglaublich tolle Freunde und das trägt elementar zu meinem Glücklichsein bei.
Als Kind einer Schönheit und Laufsteg-Mutter und als selbstbewusste Frau der neuen Generation: Wie hat sich Ihr Blick auf Schönheit verändert – und was bedeutet für Sie echte Schönheit?
Alena Gerber Genau, weil ich als Kind zweier Eltern, die beide auf ihre Weise in der Modebranche tätig waren, groß wurde, habe ich früh realisiert, dass Schönheit sich für mich nicht durch Äußerlichkeiten präsentiert. Ich liebe es, wenn Menschen richtig ehrlich, laut und mit warmen Augen lachen. Wenn jemand Güte und ein liebes Herz ausstrahlt.
Selbst in der Liebe habe ich mich nie, wirklich noch nie für einen „schönen“ Mann interessiert. In all den Jahren als Model hatte ich nicht ein Mal Interesse an einem Kollegen. Ich war schon immer eher gefesselt von Humor, Ehrlichkeit, Intelligenz und warmen, süßen Augen. Mein Mann ist unglaublich hübsch, aber auch er hat sechs Monate um mich gekämpft – und sein Aussehen hat ihm überhaupt keine Tür geöffnet.
Gibt es ein Kompliment, das Sie tiefer berührt als jedes Lob über Ihr Aussehen?
Alena Gerber So gut wie jedes Kompliment. Äußerungen über mein (perfekt gestyltes – im beruflichen Rahmen) Aussehen sind schön, aber oberflächlich, und da habe ich nicht viel für geleistet. Mich berührt es, wenn man mir zeigt, dass man sich bei mir wohlfühlt. Ich liebe es zum Beispiel, dass fast alle Spiel-Dates meiner Tochter immer bei uns stattfinden, weil alle Kinder so gern hier sind, Pyjama-Party machen und sich von mir bekochen lassen wollen. Das freut mich enorm, denn Kinder und Tiere sind ehrlich und fälschen ihre Zuneigung nicht. Und meine Oma sagte mir neulich, dass sie so stolz auf mich ist. Sie ist mein Vorbild und geht eher sparsam mit großen Worten um. Darum hat mich das total berührt.
Sie leben in Bremen, haben in Städten wie Bangkok, Rom und Los Angeles gelebt – und halten schon länger Ausschau nach einer zweiten Wohnung in Hamburg. Was reizt Sie an der Stadt so sehr – und wie sähe Ihr ganz persönlicher Rückzugsort hier aus?
Alena Gerber Hamburg hat für mich eine leise Eleganz. Ich liebe die Nähe zum Wasser und den hanseatischen Charme. Ich verbringe meine Freizeit einfach am liebsten dort, viele meiner engsten Freunde leben in Hamburg und ich bin per se schon glücklich, wenn ich in der Stadt ankomme. Ein kleiner Zweitwohnsitz dort wäre ein Traum.
Ihre Karriere ist international, Ihre Haltung bodenständig, Ihre Botschaften oft politisch – was möchten Sie Ihrer Tochter mit auf den Weg geben?
Alena Gerber Dass sie immer sie selbst bleibt. Dass sie eine eigene Stimme hat und diese auch einsetzen darf und soll, selbst wenn sie anderen damit aufstößt. Dass sie ihren eigenen Wert niemals an äußeren Dingen misst, sondern an dem, was sie fühlt und wie sie andere Menschen behandelt. Ich erziehe sie weltoffen und sehr liebevoll, absolut jedem Lebewesen gegenüber. Wir gehen regelmäßig ins Kinderheim und bringen ihre Spielsachen vorbei. Sie soll lernen, dass man teilt und gibt und Glücklichsein nicht von Besitz abhängt.
Sie setzen sich mit Herz für den Tierschutz ein. Was war der Auslöser dafür – und was wünschen Sie sich von der Modebranche in Sachen Verantwortung?
Alena Gerber Ich bin in einem Haus groß geworden, in dem jedes Tier ein Zuhause fand. Meine Schwester und ich durften jeden aus dem Nest gefallenen Vogel, jedes humpelnde Eichhörnchen mitbringen und aufpäppeln. Haben wir sie nicht angeschleppt, war es unsere Mama. Die Tierliebe habe ich von ihr geerbt. Und an die Modebranche habe ich unzählige Wünsche: Fangen wir damit an, dass nie, niemals wieder Tierversuche durchgeführt werden dürfen und Schlangenleder, Pelz und Co. nicht an unsere Haut gehören. Das sollte ein für alle Mal verboten werden. Tierleben dienen nicht unserer Verkleidung – ich schäme mich, dass das nach wie vor nicht in allen Köpfen angekommen ist.
Zum Schluss: In einer Welt voller Lärm – was ist für Sie wahrer Luxus und ein Moment echter Stille?
Alena Gerber Irgendwo in der Sonne, am Strand. Kein Handy, ungeschminkt, barfuß, Wärme auf meiner Haut, meine Liebsten um mich, ein richtig gutes Essen und ein dicker Nachtisch. Das ist für mich Luxus.
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