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Zeitzeuge, Aufdecker, Publizist
Stefan Aust

Stefan Aust, geboren 1946, gehört zu den prägendsten Journalisten Deutschlands. Kaum jemand hat so viele Schlüsselmomente der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht nur miterlebt, sondern auch aktiv mitgestaltet. Vom rasanten Aufstieg in den 70er Jahren bei Panorama, über die Gründung von Spiegel TV, bis hin zur Chefredaktion des Spiegel und dem Herausgeberposten bei der Welt – Austs Karriere ist ein Spiegelbild der jüngeren deutschen Zeitgeschichte.
Doch sein Werk umfasst mehr als nur präzise Analysen und investigative Recherchen. Mit seinem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat er nicht nur ein epochales Werk der politischen Literatur geschaffen, sondern auch die politische Landschaft entscheidend beeinflusst. In einem Gespräch mit ihm werfen wir einen Blick auf die Gegenwart der Medienwelt, die sich wandelnde politische Landschaft und die Herausforderungen, vor denen die neue Regierung steht.
Stefan, du hast sieben Jahre lang SPIEGEL TV gemacht – eine Zeit, in der das Privatfernsehen gerade begann. Du warst plötzlich bei vielen Menschen abends im Wohnzimmer. Wie sehr hat dich das als Person geprägt?
Stefan Aust Enorm. Wir hatten zuletzt eine Durchschnittsquote von über vier Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Das war ein riesiger Erfolg. Ich wurde also bekannt, lange bevor ich Chefredakteur des SPIEGEL wurde. Und als ich dann auf die andere Straßenseite wechselte, in die SPIEGEL-Redaktion, kannte mich natürlich bereits ein breites Publikum – durch Fernsehen, durch Bücher, die ich geschrieben hatte, durch vieles andere.
Du warst dann alleiniger Chefredakteur – das war neu für den SPIEGEL?
Stefan Aust Ja, bis dahin gab es immer zwei Chefredakteure, die sich abwechselten. Ich war dann erstmals allein verantwortlich – das war eine besondere Position. Und der SPIEGEL war damals sehr erfolgreich.
Nur „sehr“?
Stefan Aust Ja – sehr. Als ich anfing, war der Stern Marktführer, der Focus gerade neu gegründet und im Aufwind. Der SPIEGEL hingegen: mit rückläufiger Auflage. Ich habe das Blatt nicht zu neuen Höhen geführt, aber stabilisiert. Während die anderen an Auflage verloren, blieben wir konstant – und wurden schließlich die Nummer eins.
Deine Karriere begann in einer Zeit, in der Deutschland politisch und gesellschaftlich noch stark von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Welche Erfahrungen haben dich am meisten beeinflusst?
Stefan Aust Ich habe sehr früh angefangen – bei der Schülerzeitung in Stade. Unsere Lehrer hatten zum Teil schon in der NS-Zeit unterrichtet und nicht wenige waren auch Parteimitglieder der NSDAP gewesen. In der Volksschule auf dem Land hatte ich einen Lehrer, der Oberst und einer der jüngsten Ritterkreuzträger der Wehrmacht war. Als ich zum Gymnasium überwechselte, ging er zur Bundeswehr, wo er es zum General brachte. Auf dem Athenaeum hatte ich einen Lateinlehrer, der war Ex-General der Wehrmacht. Mit einigen Lehrern sprachen wir über die Vergangenheit – aber im Geschichtsunterricht wurde erstaunlich wenig thematisiert. Viele waren selbst Teil der Geschichte, über die sie eigentlich lehren sollten.
Und dann kam das Magazin konkret?
Stefan Aust Ja, durch einen Zufall. Der Bruder des Herausgebers von „konkret“, Klaus Rainer Röhl, war bei unserer Schülerzeitung dabei. Röhl war damals mit Ulrike Meinhof verheiratet. Ich kannte die beiden also schon als Schüler. Meine Eltern hatten wirtschaftlich wenig Spielraum, deshalb bekam ich direkt nach dem Abitur das Angebot, bei konkret einzusteigen. Geplant war zunächst ein Praktikum – am Ende blieb ich drei Jahre. Es war die Zeit der aufkommenden Studentenbewegung und der ersten Anzeichen von Terrorismus. Ich war damals sehr nah dran.
Du warst also Akteur inmitten der Ereignisse?
Stefan Aust Nein. Zeuge, nicht Akteur. Ich stand praktisch am Straßenrand der Geschichte. Ich war zum Beispiel immer gegen den Vietnamkrieg, und zwar nicht, weil ich auf der Seite Nordvietnams oder des Vietcong stand, sondern weil ich der Meinung war, einen Krieg, den man nicht gewinnen kann, sollte man besser gar nicht erst führen. Diese Haltung hat mein Denken über militärische Konflikte geprägt. Auch später habe ich andere amerikanische Kriege sehr kritisch gesehen: Irak, Afghanistan – alles Kriege, die man nicht gewinnen konnte.
Wie siehst du die aktuellen Kriege – in der Ukraine, in Israel?
Stefan Aust Der Krieg in der Ukraine hätte vermieden werden müssen. Sobald ein Krieg begonnen hat, wird es nahezu unmöglich, ihn zu beenden. Meiner Ansicht nach hat der Westen dabei entscheidende Fehler gemacht. Die Ukraine war nie ein völlig einheitlicher Staat – es gab stets Spannungen zwischen prorussischen und proeuropäischen Kräften, was sich bei jeder Wahl zeigte. Einige fühlten sich eher als Russen, andere als Ukrainer.
Der Versuch, das Land möglichst schnell in die NATO zu integrieren, hat Russland geradezu provoziert, die rote Linie zu überschreiten. Das halte ich für einen schweren Fehler. Keine Frage, wer als erster die Grenzen überschreitet, ist Hauptverantwortlicher für den Beginn eines Krieges. Das war schon beim Ersten Weltkrieg so. Aber davor gibt es zumeist auch eine Geschichte.
Und Israel?
Stefan Aust Noch komplizierter. Das würde jetzt zu weit führen. Natürlich tragen wir Deutsche eine besondere Verantwortung – das steht außer Frage und ist Teil unserer Staatsräson. Das meine ich ganz ernst. Dennoch muss man nicht alles gutheißen, was die derzeitige Regierung in Israel tut. Meiner Ansicht nach wird es am Ende höchstwahrscheinlich auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinauslaufen. Es gab bereits mehrere Versuche – Clinton war damals sehr nah dran. Wenn man ihn getroffen hat, erzählte er oft, wie knapp es war. Doch letztlich ist es nicht gelungen.
Diese Verantwortung – läuft sie nicht irgendwann aus? Die junge Generation sagt doch heute oft: Was habe ich damit noch zu tun?
Stefan Aust Das ist nachvollziehbar. Unsere Generation hat genauso viel oder wenig Schuld wie ein junger Amerikaner am Krieg gegen die Indianer. Die Verantwortung ist nicht individuell, sondern historisch. Ich habe in meiner Abiturarbeit ein Zitat von Theodor Heuss verwendet. Er sagte: Es gibt keine Kollektivschuld, aber eine Kollektivscham. Ich glaube, das trifft es gut.
Dein Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gilt als Klassiker der deutschen Zeitgeschichte. Wie blickst du heute auf die Entwicklung des politischen Extremismus – und wie bewertest du den medialen Umgang damit?
Stefan Aust Terrorismus – egal welcher Art – hat immer eine gemeinsame Basis: Er entspringt einem größeren politischen Umfeld. Weltweit formieren sich aus radikalen Bewegungen besonders extreme Gruppen, die zur Gewalt bereit sind. Das war bei der IRA so, bei den Basken – eigentlich überall. Die Rote-Armee-Fraktion entstand aus den studentischen Protesten gegen den Vietnamkrieg und der Auseinandersetzung mit der eigenen deutschen Vergangenheit. Als die große Protestbewegung abebbte, wollten einige die revolutionären Ideen fortführen – in dem Glauben, alle Revolutionen seien gewaltsam und man müsse nur auf der „richtigen“ Seite stehen, um zu siegen. Kuba war dabei ein Vorbild, ebenso wie einige afrikanische Länder. Doch oft wurden die Revolutionäre später genauso schlimm wie die Regime, die sie gestürzt hatten – siehe Kuba. Daraus resultiert auch meine Skepsis gegenüber Sanktionen. Die USA verhängen seit Jahrzehnten Sanktionen gegen Kuba – damit haben sie weder Fidel Castro gestürzt noch seine Nachfolger.
Da sich Terroristen zumeist für Revolutionäre halten, liegt ihrem Handeln oft ein Glaube zugrunde – nicht unbedingt religiös, aber mit vergleichbarer Absolutheit. Auch die RAF handelte aus einem überhöhten moralischen Anspruch heraus. In den Kassibern – den geheimen Briefen der RAF-Mitglieder – fand ich zentrale Zitate, besonders von Ulrike Meinhof. Ein Satz an Gudrun Ensslin lautete: „Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen?“
Ich habe dann herausgefunden, dass dieser Satz von Bertolt Brecht stammte. Sie war sich also der moralischen Verwerflichkeit ihres Tuns bewusst, glaubte jedoch, es sei gerechtfertigt. Ein weiterer zentraler Gedanke, ebenfalls aus Bertolt Brechts Stück „Die Maßnahme“, lautete: Furchtbar ist es, zu töten, aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es Not tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu verändern ist, wie jeder Lebende weiß.
Das ist der ideologische Kern des Terrorismus. Betrachtet man heutige islamistische Selbstmordattentäter, gehen sie sogar noch einen Schritt weiter und bringen ihr eigenes Leben mit ihrer Bombe in den Tod.
Und welche Rolle spielen die Medien?
Stefan Aust Die Medien sind stets Teil des Spiels. 9/11 war wohl die größte PR-Aktion von Mördern in der Geschichte. Zuerst trifft das erste Flugzeug den Turm – alle Kameras der Welt sind darauf gerichtet – und dann folgt das zweite. Terrorismus lebt von der medialen Verbreitung. Ohne Öffentlichkeit verliert er einen Großteil seiner Wirkung. Auch ich, der Bücher schreibt und Filme macht, trage dazu bei, dem Terror eine historische Bedeutung zu verleihen. Dennoch darf das kein Grund sein, nicht darüber zu berichten.
Wird Medienberichterstattung also bewusst als Mittel eingesetzt?
Stefan Aust Absolut. Jede Form von Terror nutzt die öffentliche Aufmerksamkeit. Es ist Propaganda mit echten Toten.
Du hast viele Etappen im Journalismus durchlaufen – von SPIEGEL TV über den SPIEGEL bis zur Welt. Wie siehst du den Wandel der Medienlandschaft durch die Digitalisierung?
Stefan Aust Als wir am 8. Mai 1987 mit SPIEGEL TV starteten, war das auch der Tag, an dem das private Fernsehen über Antenne empfangbar wurde. Das hat die Medienlandschaft dramatisch verändert. Die Fernsehzeit der Menschen hat sich innerhalb kürzester Zeit fast verdoppelt – zulasten anderer Medien. Und das wurde durch das Internet dann noch verstärkt. Aber das war und ist nicht zu stoppen. Man muss sich darauf einstellen.
Ich habe oft gesagt: Wir handeln nicht mit Holz, also nicht mit Papier, sondern mit Information. Es ist nicht entscheidend, wie die Information verbreitet wird – ob digital oder gedruckt –, sondern dass sie die Menschen erreicht.
Aber es gibt doch einen Unterschied zwischen qualitätsgesicherten Medien und TikTok?
Stefan Aust Klar. Aber dass jetzt jeder seine Meinung sagen kann – auch über Plattformen wie X oder TikTok – finde ich nicht per se schlecht. Früher war Pressefreiheit „die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu sagen“, wie es der FAZ-Herausgeber Paul Sethe einmal formulierte. Heute kann jeder etwas sagen – ob sinnvoll oder nicht, ist eine andere Frage. Ich habe manchmal das Gefühl, viele sollten in dem Zustand, in dem sie posten, besser nicht mehr Auto fahren.
Aber gerade für Jugendliche ist das gefährlich – sie sehen keine Tagesschau mehr, lesen keine Zeitung...
Stefan Aust Das ist so, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Und mit dem Versuch, falsche Informationen per Gesetz zu verbieten oder die Polizei einzuschalten, schafft man größere Probleme. Ich nutze bei Beleidigungen einfach den digitalen Papierkorb – sehr praktisch.
Wie wichtig sind für dich journalistische Werte wie Unabhängigkeit und Qualität?
Stefan Aust Sehr wichtig. Aber Unabhängigkeit hängt auch stark mit der Finanzierung zusammen. Ulrike Meinhof zitierte, als sie noch Journalistin war, gern einen Medienprofessor: „Zeitschriften verkaufen Anzeigenraum als Ware, die durch den redaktionellen Inhalt absetzbar wird.“ Der Inhalt ist also das Lockmittel für die eigentliche Ware: die Werbung. Leider haben wir die digitale Werbung völlig aus der Hand gegeben – zugunsten der Tech-Giganten. Und anders als bei der klassischen Presse haftet im Internet heute niemand mehr persönlich. Früher stand unter jedem Artikel ein Verantwortlicher im Sinne des Presserechts – heute? Da steht niemand.
Du hast viele Wendepunkte erlebt – persönlich und beruflich. Was wünschst du dir für die Zukunft des Journalismus? Und welche Rolle willst du dabei noch spielen?
Stefan Aust Ich werde keine Rolle mehr spielen. Aber ich wünsche mir, dass der Journalismus unabhängig bleibt, qualitätsbewusst arbeitet und die Realität beschreibt – nicht Ideologien folgt.
Wir sitzen hier im Zelt am Derbypark, hinter uns wird gerade geritten. Du warst heute mit zwei Pferden hier – und wirst auch übermorgen wieder antreten. Stefan, würdest du unseren Leserinnen und Lesern vielleicht erzählen, wie du eigentlich zu den Pferden gekommen bist? Da gibt es doch diese wunderbare Geschichte aus deiner Kindheit – ich glaube, es ging um ein Pferd, das schwer zu reiten war?
Stefan Aust (lacht) Nein, so kompliziert war das gar nicht. Ich komme von einem kleinen Bauernhof. Als ich Kind war, hatten wir Pferde – Arbeitstiere, mit denen wir den Wagen gezogen und den Acker gepflügt haben. Irgendwann wurden die abgeschafft. Stattdessen kam ein winziger Traktor – mit 15 PS. Kaum größer als ein Moped mit Anhänger.
Und die Pferde waren damit Geschichte?
Stefan Aust Eigentlich schon. Aber dann kam die Sturmflut 1962, unsere Kühe ertranken und wir brauchten unsere Weide nicht mehr. Aber dann fragte ein befreundeter Augenarzt aus Stade meinen Vater, ob er zwei Ponys für seine Kinder bei uns auf die Weide stellen dürfe. Mein Vater sagte: Ja, aber nur, wenn meine Kinder auch darauf reiten dürfen. Also haben wir uns draufgesetzt. Ohne Unterricht, einfach so. Und irgendwie sind wir nie wieder abgestiegen.
Du bist dann aber nicht einfach beim Reiten geblieben, sondern hast irgendwann beschlossen, selbst zu züchten.
Stefan Aust Genau. Ich habe gedacht: Warum eigentlich nicht? Ich wollte gute Pferde – keine Showpferde, sondern Tiere mit Charakter und Substanz. Und dann kam mir dieser Gedanke: Ein gutes Pferd frisst ja auch nicht mehr als ein schlechtes. Also habe ich zwei Fohlen gekauft und angefangen zu züchten.
Und wie viele Pferde hast du heute?
Stefan Aust Nicht viele, aber gute. Ich bin kein Großzüchter. Mir geht es um Qualität, nicht Masse. Ich begleite sie von Anfang an, reite selbst viel – das ist für mich auch ein Ausgleich. Eine Verbindung zur Herkunft, wenn du so willst.
Du hast einmal gesagt, dass Reiten für dich etwas sehr Erdendes ist. Etwas, das dich auch durch hektische Zeiten getragen hat.
Stefan Aust Absolut. Der Umgang mit Pferden verlangt Klarheit, Konsequenz und Ruhe. Du kannst ihnen nichts vorspielen. Das hat etwas sehr Reinigendes – gerade in einer Welt, in der so vieles nur noch Inszenierung ist.
Vielen Dank, Stefan – und viel Erfolg morgen und übermorgen auf dem Platz.
Stefan Aust Danke dir.
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