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Glaube, Liebe, Strassenkampf
St. Georg - Impulsiver Stadtteil der Gegensätze

Gibt es sie noch die Tante-Emma-Läden bei uns auf St.Georg? Haben die inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte trotz der Ketten und gegen das Online Shopping bestehen können?! Wir lassen diese Frage mal so stehen. Die kleinen, wundervollen Stadtbezirke haben so viel Charme, dass sie vor allem junge Leute immer wieder anziehen. So auch in St. Georg. Aber was macht diese Bezirke eigentlich so sonderbar? Ganz genau…Die kleinen, süßen, individuellen Geschäfte. Dennoch kaufen die jungen Leute vermehrt bei große Ketten oder im Internet. Das können wir ändern! Wir schaffen mehr Identifikation mit den kleinen Geschäften. Man mag sich wundern, was für eindrucksvolle Geschichten hinter den Geschäften und Inhabern stecken. Was für Motivationen haben sie und was wollten sie schon immer erzählen?

Collage, die primär aus Händen, einem Baum und einem Buddha besteht
Ein Ort, an dem man außergewöhnliches erlebt.

Sei Du Sei Dein

Schon auf dem weg zum Bäcker trifft man viele bekannte Gesichter. Selbst wenn man noch nie miteinander geredet hat, wird man gegrüßt. Es ist wie ein kleines Dorf für sich im Herzen Hamburgs. Ich wohne auf der Langen Reihe, eine Strasse mit vielen Gesichtern. Ich finde es interessant, wie viele verschiedene Kulturen hier aufeinander treffen. Das hat mich begeistert, als ich vor 8 Jahren hierher gezogen bin. Doch leider hat die Lange Reihe in meinen Augen etwas von dem alten Charme verloren, Stichwort: Gentrifizierung. Einige Läden, die jahrelang da waren, wurden durch Designerläden ausgetauscht.

Im Sommer ist einer der schönsten Plätze der lohmühlenpark. Man kann sich auf die Wiese legen und einfach den Fußball/Basketballspielern zugucken oder aber auch selber mit eingebunden werden. Ein weiterer Punkt, der mich sehr fasziniert ist, wie die jugendlichen sich trotz einzelner Meckereien zusammenschließen und offen für neues sind. Seit ich hier wohne habe ich neue Freunde gefunden, aber auch meinen Blick auf gewisse Dinge geändert.

Hier ist es egal, aus welchem Land du kommst oder wie du aussiehst. Frei nach dem Motto, „Zeig Respekt und du kriegst meinen!“. Früher galt St. Georg als ein verruchtes Viertel, ich finde das macht den Stadtteil so charmant.

In unserer heutigen Gesellschaft neigen viele von uns dazu, es allen anderen recht machen zu wollen. Dabei bleiben wir leider selbst als eigenständiges Individuum oft auf der Strecke. Wenn wir ein Leben nach den Maßstäben von anderen führen, nagt das an unserer Persönlichkeit und unser Selbstwertgefühl wird unterdrückt. Doch gerade ein gesundes Selbstwertgefühl ist das Elixier für ein zufriedenes Leben. Bist du dir selbst deines Wertes nicht bewusst, kannst du deine Umwelt nicht von dir begeistern, Werbung für dich als Person machen und keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Egal, mit welchem Thema du dich gerade beschäftigst, das Ergebnis ist stets eng mit deinem Selbstwertgefühl verbunden.

Deine persönliche Wertschätzung.

Hast du schon einmal versucht, deinen Selbstwert zu messen und dir Gedanken über deinen „Handelswert“ gemacht? Vielleicht helfen dir diese Überlegungen dabei: Bekommst du für deine Leistungen die Anerkennung, die du dir verdienst? Fühlst du dich in der Lage, deine im Leben selbst gesteckten Ziele zu erreichen? Belohnt dich deine Umwelt mit dem Respekt und der Liebe, die du dir erwartest? Schnell wirst du merken, dass dein Wert stark von äußeren Einflüssen geprägt ist. Genau das kann allerdings auch zum Problem werden. Und zwar genau dann, wenn du nicht mehr natürlich auf deine Umwelt reagierst, sondern so agierst, wie es deine Mitmenschen von dir wünschen und erwarten.

Triff eine bewusste Entscheidung für Dich.

Um ein eigenverantwortliches Leben nach deinem persönlichen Standard führen zu können, ist es wichtig, dich als eigene Person selbstsicher zu behaupten und liebevoll mit dir selbst zu sein. Lebe dein Leben nach deinen Vorstellungen und Zielen und bewahre dir dabei deine persönliche Identität.

Versuch dein Leben neu zu positionieren und triff eine bewusste Entscheidung für dich. Mit zentralem Fokus auf dich mit all deinen Handlungen und Entscheidungen. Stell dich auf das symbolische Siegertreppchen und lass alle anderen hinter dir anstehen. Von dort aus kannst du selbst über deine nächsten Schritte entscheiden. Schnell wirst du erkennen, dass diese Macht der freien Entscheidung eine positive Auswirkung auf dein gesamtes Leben hat.

Hör nicht auf die anderen, sondern nur auf dich selbst.

Durch deine neue Ich-Strategie wirst du die Freude und den Spaß im beruflichen und privaten Leben wieder kennen lernen. Es stehen dir alle Möglichkeiten offen, um eine Veränderung in deinem Leben zu wagen. Steh dir dabei nicht selbst im Weg und entscheide dich für die ersten Schritte.

FÜR DANIEL, VALERIE & CHANTAL

St. Georg ist Ort der Vielfalt. Vielfalt der Religionen, der Meinungen und Weltanschauungen, der Lebensarten und Menschen und damit verbunden die Toleranz haben den Stadtteil lebens- und liebenswert gemacht.

Wir haben im Stadtteil seit Jahrzehnten mit all den Problemen gelebt, die Hamburg nicht haben wollte und die Hamburg an den Rand der Stadt - eben nach St. Georg - gedrängt hat. Drogen, Dealer Prostitution, Kleinkriminalität, alles dies ist für St. Georg nichts Neues. Wir haben gelernt, hiermit umzugehen, was aber nicht heissen soll, sich hiermit abzufinden.

Während in anderen Stadtteilen nicht nur die Nase gerümpft wurde, wenn Drogenabhängige gesichtet wurden, erkannten wir, dass Drogenabhängige Kranke sind und man ihnen helfen muss. Während in manchen anderen Stadtteilen Asylbewerber und Ausländer generell nicht willkommen waren, fanden sie in St. Georg ihre Heimat. Und auch um die Prostituierte im Hauseingang, von der jeder wusste, dass es sich um Uschi oder Uschis Freundin handelte, die seit Jahrzehnten in St. Georg anschafften, wurde wenig Aufhebens gemacht. Allerdings haben wir immer wieder darauf hingewiesen, dass die Konzentrierung von
städtischen Problemen im Stadtteil zu Konflikten mit der Bevölkerung führen kann.

Wir haben deshalb intensiv Drogenhilfsprogramme eingefordert. Wir haben uns gegen die massive Unterbringung von Asylbewerbern zu unwürdigen Bedingungen in Billigpensionen gewandt und wir haben auch immer wieder darauf hingewiesen, dass St. Georg Wohnstandort ist und insoweit aggressive Prostitution verbunden mit nächtlichen Störungen, Prügeleien nicht vereinbar ist. Besonders eins aber haben wir im Stadtteil über alle Vereinsgrenzen immer wieder beherzigt: Wir müssen miteinander reden, müssen das Gespräch suchen und müssen eine gemeinsame Lösung von Problemen anstreben.

Wand mit Graffiti
Das erste Graffiti in der Hamburger Innenstadt thematisiert die Geschichte, die kulturelle Vielfalt und die Generationen von Anwohnern der bekannten Kultmeile Hamburgs und setzt den Menschen in den Mittelpunkt.

St. GEORGS TOLERANZ

St. Georg ist für sein buntes Zusammenleben über seine Grenzen hinaus bekannt. Frau und man ist stolz darauf.

Lange haben Graffiti-Künstler um ihre Anerkennung gekämpft. Dazu gehörte auch der Grafiker Aimal Jahed alias „Nulon“, der bereits vor 20 Jahren zum ersten Mal zur Spraydose griff.

„Das Talent muss ich von meinem Vater haben“, lacht der junge Sprayer, der in der Langen Reihe 1 eine ganze Wand gestalten durfte. Auf 100 Quadratmetern zeigt Nulon die Geschichte des Stadtteils. „Der Bezirk Mitte hat sein Okay gegeben“, so Aimal. Bezirksamtsleiter Andy Grote und die Kulturbehörde haben das Projekt unterstützt. Das Graffiti hat die Kultmeile St. Georgs mit ihrer kulturellen Vielfalt zum Thema. Die Motive haben der Künstler, der Stadtteilbeirat St. Georg und die Anwohner innerhalb von zwei Jahren gemeinsam entwickelt. Der Moment, bis die erste Farbe auf die Fassade kam, hat sich jedoch ziemlich verzögert. „Das Mauerwerk des Fachwerkhauses, immerhin aus dem 18. Jahrhundert, wies erhebliche Mängel auf und musste zunächst saniert werden“, erklärt Nulon. Kein Problem für den Künstler, der die Zeit noch nutzen wollte, um weitere Sponsoren zu finden. „Das Projekt ist allein durch Spenden finanziert“, sagt der Sprayer, der mit einem seiner Werke bereits im Guiness-Buch der Rekorde steht.

Mehrere Monate lang stand er mit seinen Farbdosen auf dem Gerüst in der Langen Reihe und hat sein Kunstwerk entstehen lassen. Vielfalt wird in St. Georg besonders toleriert. Mit dem Grafiiti wird diese Aussage kommuniziert.

St. Georg - Collage mit Getränken und einem Frauenkopf
So wird richtig gefeiert

One Love

Cafe Gnosa in der Langen Reihe auf St. Georg. Einst als erstes Schwulenlokal Hamburgs bekannt, schätzen junge Familien, Künstler und Touristen heute vor allem den leckeren selbstgebackenen Kuchen.

Das Café Gnosa ist etwas Besonderes. „Ich komme seit 15 Jahren her und bin froh, dass es sich treu geblieben ist. Obwohl in der Langen Reihe viel passiert, sieht es hier noch aus wie früher. Draußen kann man wunderschön sitzen, aber ich liebe es, drinnen in der Ecke an dem schön gerundeten Fenster zu sitzen und in der Mittagspause meinen täglichen Kaffee mit Frischmilch zu genießen. Eigentlich ist das Café mein zweites Wohnzimmer.

Hier kennt man meine Marotten und weiß sie zu schätzen. Und das ausgedehnte Sonntagsfrühstück ist fantastisch, am liebsten mag ich das italienische oder nordische mit Fischspezialitäten. Aber erst mal muss die Schlange hungriger Mäuler mit legendärem Kuchen gestopft werden – es ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, wie sensationell die hauseigene Konditorei ist. Wenn ich mich in eine Leckerei des Gnosa verwandeln könnte, wäre ich die Stachelbeer-Baiser-Torte.

Ich weiß zu schätzen, wie liberal der Stadtteil ist und das Café Gnosa war von Anfang an ein Treffpunkt für Schwule und Lesben. Ich habe hier meine erste große Liebe kennengelernt. Es ist also, wenn man will, auch eine Kontaktbörse.

Stay True, Be Yourself
Stay True, Be Yourself

Fetish Friends

Thomas Pfizenmaier passt in keine Schublade: Er war Musikmanager, Party-Veranstalter, politischer Aktivist und Pornodarsteller. Seit rund 20 Jahren betreibt er den „Slut Club“ in Hamburg. Leder ist das Symbol seiner sexuellen Befreiung und der Club ein hart erkämpfter Freiraum.

An diesem Donnerstagabend ist Nacktparty im Slut Club in St. Georg. Nur Schuhe sind erlaubt, selbst Eau de Toilette ist unerwünscht. Ein Gast hat keine Zigaretten mehr: Er eilt‑nur in seinen Schuhen‑hinaus aus dem Club, entert eine Bar in der Langen Reihe, wo er sich eine Packung aus dem Automaten zieht. Als er zurückkommt, wird er von den anderen Nackedeis am Tresen gefeiert wie ein Held. Das ist selbst für Thomas Pfizenmaier kein ganz gewöhnlicher Tag. Seit 18 Jahren organisiert der ehemalige Musikmanager schwule Fetischpartys und betreibt zwei Clubs in Hamburg und Berlin. Dafür hatte er einst seinen Job bei Universal Music an den Nagel gehängt und sein Bürooutfit gegen eine Ledermontur getauscht.

Thomas sieht sich als Machertyp, Pragmatiker und Aktivist. Schwul zu sein, war für den gebürtigen Schwaben schon immer auch ein politischer akt. Statt sich wie viele andere Gleichgesinnte zu verkriechen oder über fehlende Angebote zu jammern, beschloss er, sich mit ihnen zu vernetzen. Aus dem Umfeld des ehemaligen Front Clubs rekrutierte er in den 90er Jahren DJs wie Boris Dlugosch und organisierte unter dem Namen „HIP-To_NICE“ Hamburgs erste Tea-Dance-Party im Kontor. Damals waren gerade mal 200 Leute in der Szene aktiv. Es war die Zeit, als Micha das Ostgut in Berlin betrieb, Thomas Hermanns die 7.

Avantgarde in München organisierte und im „Anderen Ufer“ in Berlin Steine in die Fensterscheiben flogen. Schon 1987 hatte Pfizenmaier mit dem Grünen-Politiker Volker Beck die erste schwule Plakatkampagne gegen die Volkszählung angeleiert oder Demos gegen den damaligen Leiter des Münchner Kreisverwaltungsreferats, Peter Gauweiler, mobilisiert. Wie man Menschen zusammenbringt, hatte er dabei gelernt. „Damals gab es nur zwei Möglichkeiten, das verbohrte Bürgertum zu bekämpfen: Entweder der RAF beitreten oder die schwule Revolution einleiten“, sagt Thomas. Die Freizügigkeit, mit der heute an vier Wochentagen im Slut Club getrunken, geflirtet und schwuler Sex gelebt wird, hätten sie sich hart erkämpfen müssen.

Pöbeleien und Spuckereien waren damals an der Tagesordnung; so wie eingeworfene Fensterscheiben und gewaltsame Übergriffe „besorgter“ Bürger. Spätestens seit sich jedoch Politiker und Profifußballer im Fernsehen outen, Regenbogenfähnchen in Schaufenstern biederer Einkaufsstraßen hängen und das gehobene Bürgertum die schwule Konditorei „Gnosa“ in Hamburg für ihr formidables Frühstück und die legendäre „Birnen-Tarte“ schätzt, ist das Schwulsein zumindest in manchen Bereichen der Gesellschaft einfacher geworden.

Die fast biedermeierliche Ruhe und Gemütlichkeit schmerzt den Aktivisten Pfizemaier: „Mich stört das fehlende Bewusstsein der Nachfolgegeneration. Läden wie mein Slut Club oder das Berliner Berghain sind nicht vom Himmel gefallen. Wir mussten uns jeden Freiraum erobern. Heute setzen sich alle in das gemachte Nest und vergessen dabei die Demut vor unserer Emanzipation!“

Die heteronormative Lebensweise hat längst schwule Lebensgemeinschaften erreicht. Das erfolgreiche, hippe schwule Paar mit Französischem Bullterrier an der Leine und teuren Markenklamotten passt wunderbar in das liberale Selbstverständnis moderner Großstädte. Der Leder‑daddy in der Motorradkombi, auf dessen Unterarm die tätowierten Ringe mit den Namen seiner Fisting- Partner bis zum Ellenbogen reichen, hat‘s da schon etwas schwerer. „Natürlich kommen auch die prüden Tanzmäuse, die gerne behaupten, mit Fetisch nichts am Hut zu haben, in meinen Laden. Die lassen sich gerne treiben, aber privat thematisieren sie gewisse Freizügigkeiten und Praktiken nicht so gerne“, sagt Thomas und lacht. Heute zieht es viele zu Online-Portalen wie Grindr oder Gay Romeo, wo Nicknames und Chats ein privates Umfeld vorgaukeln. „Natürlich ist es einfacher, über ein Profil zu schreiben, dass man jemandem den Arsch rimmen oder die Stiefel lecken will. Doch nur ein Club kann ein gesichertes Umfeld bieten, einen aktiven Ort der Kommunikation und des gegenseitigen Bewusstseins“, erklärt Thomas und beklagt, dass gerade bei privaten Sex-Treffen und unter Einfluss von Drogen vieles schiefgehen kann.

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