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Sonja Schwetje
Region mit neuer Dynamik

Sonja Schwetje bringt frischen Wind in den Journalismus in Norddeutschland. Bei RTL Nord verbindet sie Erfahrung aus Brüssel und Köln mit tiefen regionalen Wurzeln. Sie zeigt, wie journalistische Qualität, kreativer Innovationsgeist und digitale Chancen erfolgreich zusammenwirken. Für sie ist Regionalfernsehen mehr als reine Nachrichten. Es schafft Orientierung, Vertrauen und Identität, vermittelt ein Gespür für die Umgebung und zeigt, wie Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft direkt vor der eigenen Haustür wirken. Schwetje verknüpft große Themen mit lokalem Bezug, erreicht junge Zielgruppen und behält dabei die journalistische Verantwortung stets im Blick. Regionaljournalismus ist für sie eine lebendige Plattform, auf der Tradition und Innovation zusammenkommen, Geschichten bewegen und Journalismus erlebbar wird – nahbar, relevant und zukunftsorientiert.

Sie haben einmal gesagt, es sei Ihr „Sechser im Lotto“, nach Hamburg zu wechseln. Was bedeutet Hamburg für Sie persönlich und für Ihre Arbeit bei RTL Nord?

Sonja Schwetje Ich habe meine berufliche Laufbahn in Hamburg begonnen und liebe die Stadt beruflich wie persönlich. Die Entscheidung, nach Köln zu gehen, war eine der wichtigsten Weichenstellungen in meinem Leben. Die Stadt und ihre Menschen haben mich mit großem Herzen auf- und für sich eingenommen. Die Entwicklung, die ich bei RTL West, ntv und RTL Deutschland machen durfte, haben mich als Mensch, Journalistin und Managerin geprägt. Dennoch war für mich immer klar, dass ich eines Tages wieder zurückkommen werde, und spätestens als meine beiden Nichten sehr klar den Wunsch nach mehr gemeinsamer Zeit formulierten, war es höchste Zeit.

Sie sind ein „Breaking-News-Junkie“. Welche Rolle spielt diese Leidenschaft heute, wo Sie stärker regional arbeiten?

Sonja Schwetje Tatsächlich macht es keinen Unterschied, weil es auch in meinem jetzigen Umfeld sehr stark darauf ankommt, dass die Redaktion von RTL Nord Breaking-News-Situationen im Norden schnell und zugleich mit journalistischer Sorgfalt begleitet. Wir sind dann nicht nur für die Regionalsendungen im Einsatz, sondern für alle linearen und digitalen Produkte von RTL und ntv. Dafür müssen unsere Teams jederzeit gerüstet sein, es bedarf einer kontinuierlichen Sensibilisierung, Ausbildung und Wachsamkeit.

Wie bringen Sie Ihre Erfahrungen aus Brüssel und Köln, also die große europäische und nationale Bühne, in den norddeutschen Regionaljournalismus ein?

Sonja Schwetje Journalismus ist in allererster Linie ein Handwerk. Unabhängig davon, wie sich Produktionsweisen und Distribution durch KI und andere Technologien verändern, ist der Kern unserer Arbeit Gewissenhaftigkeit, Unvoreingenommenheit, journalistische Recherche und gesunde Skepsis. Meine Berufserfahrungen in Brüssel und Köln haben mir darüber hinaus ermöglicht, ein Experten-Netzwerk aus unterschiedlichsten Bereichen aufzubauen – von medienpolitischer Regulierung, innovativen Technologien, dem Einsatz von Desinformation als Mittel einer hybriden Kriegsführung bis hin zu aktuellen Herausforderungen der Pressefreiheit. Wir leben in einer Zeit, die von komplizierten Themen und hoher Dynamik geprägt ist. Da hilft es sehr, wenn man sich gegenseitig austauscht und Expertise teilt.

Wie kann regionales Fernsehen im Spannungsfeld zwischen lokaler Verankerung und digitaler Reichweite bestehen und welche Herausforderungen ergeben sich dabei gegenüber nationalen Sendern?

Sonja Schwetje Wir sind als regionale Anbieter nah an den Themen der jeweiligen Region. Die Menschen, die bei uns arbeiten, wissen, was ihre Nachbarn, Freunde und Familien umtreibt. Das ist eine Chance, um für unser Publikum relevante Themen anzubieten und zu verstehen, wo der Schuh drückt. Auf der anderen Seite ist dieser sehr spezifische Blick natürlich nicht immer auch für Menschen aus anderen Regionen interessant. Aber oft gibt es einen gemeinsamen Nenner und wir können politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen von der abstrakten Ebene herunterbrechen auf die Lebenswelt der Menschen.

Wie stark sind Sie durch gesetzliche Vorgaben und Auflagen eingeschränkt und wo bleibt Raum für kreative Formate?

Sonja Schwetje Unsere Regionalmagazine Hamburg/Schleswig-Holstein und Niedersachsen/Bremen sind im Rahmen der Vielfaltssicherung verpflichtet, die Regionen ausgewogen abzubilden und einen relevanten Mix politischer, wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Themen anzusprechen. Wir sind also in der Auswahl der Themen an bestimmte Vorgaben gebunden. Die Art, wie wir mit diesen Themen ein breites Publikum erreichen, liegt aber bei uns. Unser Anspruch ist es, relevante Informationen auf unterhaltende und nie belehrende oder abgehobene Weise zu vermitteln. Daher erreichen wir mit unseren Angeboten oft Zielgruppen, die in ihrem Medienkonsum gar nicht so auf Nachrichten fokussiert sind, bei uns aber einen Mehrwert darin finden.

Sie sagen, regionale Programme müssen „Public Value“ liefern. Was sind für Sie die zentralen Schwerpunkte bei RTL Nord: Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft?

Sonja Schwetje Die Schwerpunkte müssen wir meines Erachtens dort setzen, wo aus journalistischer Sicht die Relevanz für unser Publikum besteht. Das ist derzeit sicher sehr stark die allgemeine sicherheitspolitische und wirtschaftliche Lage, heruntergebrochen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen hier im Norden. Aber genauso kann es ein Konzert-Highlight, ein neugeborenes Tier-Baby im Zoo oder eine besondere Hilfsaktion für einen guten Zweck sein.

Welche Themen im Norden finden Sie besonders spannend – vom Poloturnier in Hamburg bis zu Fragen der Landespolitik oder NATO-Ostflanke?

Sonja Schwetje Mein Herz schlägt sehr für Wirtschaftsthemen. Hamburg – und Norddeutschland insgesamt – ist eine außerordentlich spannende Region. Aber oft sind es auch die kleinen, sehr persönlichen Geschichten von Menschen, die mich sehr berühren. Gerade diese große Bandbreite macht für mich den Reiz unserer Regionalmagazine aus.

Stimmen Sie Inhalte auch mit Werbepartnern ab, oder wie unabhängig ist die Themenwahl?

Sonja Schwetje Unsere Redaktion entscheidet eigenständig und unabhängig im Sinne unserer journalistischen Verantwortung und im Einklang mit den Anforderungen gemäß der gesetzlichen Vorgaben.

Welche Rolle spielen Quoten, Verweildauer oder Themenblöcke bei der redaktionellen Planung?

Sonja Schwetje Unsere Redaktion schaut jeden Tag in allererster Linie auf die wichtigen Themen der Region und wie wir sie im besten Sinne der Zuschauer aufbereiten und anbieten können. Natürlich ist uns wichtig, dass wir damit auch das Interesse treffen, und da können Quoten ein Anhaltspunkt sein. Da wir mittlerweile sehr viele Inhalte auf digitalen Plattformen anbieten, spiegeln die linearen Quoten aber nicht die tatsächliche Reichweite wider und sind daher nur ein eingeschränkter Indikator. Dasselbe gilt für die Verweildauer. Wir nutzen sehr unterschiedliche Formen von Daten und Analysetools als Entscheidungshilfe, doch am Ende ist die redaktionelle Einschätzung der entscheidende Faktor.

Welche Chancen sehen Sie für den Regionaljournalismus durch KI, etwa in der Recherche, Produktion oder Distribution?

Sonja Schwetje Wir nutzen KI als Unterstützung in verschiedenen Bereichen, insbesondere im Content Management und bei Produktion und Distribution. Das kann bei bestimmten Arbeitsschritten Zeit ersparen und grundsätzlich auch die Qualität steigern. Aber die KI ist lediglich eine Unterstützung. Was am Ende gesendet bzw. publiziert wird, entscheidet in letzter Instanz ein Mensch und trägt auch die Verantwortung.

Wo ziehen Sie die Grenze: Was sollte menschlicher Journalismus leisten, was kann KI übernehmen?

Sonja Schwetje Die Chance für uns Journalisten liegt darin, uns mit Unterstützung von KI auf unser Kernhandwerk zu konzentrieren: Themengespür, Recherche, Abbildung vielfältiger Perspektiven. Ich bin überzeugt davon, dass es für Nutzer einen Mehrwert hat, dass unsere Inhalte, für die wir ja auch von der Medienaufsicht in die Verantwortung genommen werden, verlässlich und authentisch sind. Das heißt nicht, dass wir keine Fehler machen. Aber bewusste Manipulationen, die mithilfe von KI insbesondere auf Social-Media-Plattformen Meinungen gezielt beeinflussen, Verunsicherung schüren und Fakes statt Fakten verbreiten, gibt es bei uns nicht.

Könnte KI sogar helfen, jüngere Zielgruppen für regionale Themen zu begeistern?

Sonja Schwetje Es gibt viele Beispiele für ein gutes Zusammenspiel zwischen Redaktion und KI-gestützten Tools. Herauszufinden, was für uns passt und wie wir es nutzen, macht die aktuelle Situation ja so spannend. Dennoch ist es wichtig, sich nicht von den unzähligen Möglichkeiten treiben zu lassen und sich immer wieder auf den Kern journalistischen Handwerks zu besinnen.

Sie warnen vor Desinformation als Teil hybrider Kriegsführung. Wie lassen sich solche Bedrohungen regional erklären, ohne Panik zu verbreiten?

Sonja Schwetje Natürlich belasten die aktuellen sicherheitspolitischen Ereignisse viele Menschen. Auch mich lässt das nicht unberührt, trotz aller Professionalität. Aber gerade, weil ich das Gefühl gut nachempfinden kann, ist es mir wichtig, dass wir in der Berichterstattung Empathie für unser Publikum mit journalistischer Klarheit in Einklang bringen. Wir haben beispielsweise erklärt, wie man sich für bestimmte Situationen bevorratet und welche Vorbereitungen Krisenstäbe in der Region schon treffen. Und natürlich haben wir jüngst sehr umfangreich über die großangelegte Verteidigungsübung „Red Storm Bravo“ berichtet, bei der die Bundeswehr und zivile Organisationen in Hamburg drei Tage lang gemeinsam Krisenszenarien erprobten.

Viele junge Menschen informieren sich über TikTok oder Instagram. Wie kann RTL Nord sie erreichen und gleichzeitig verhindern, dass Paywalls den Zugang zu verlässlichem Journalismus einschränken?

Sonja Schwetje Wir bieten unsere Inhalte neben der linearen Ausstrahlung auch auf unterschiedlichen digitalen Plattformen wie YouTube oder Instagram an und sind damit neben unseren linearen Sendungen sehr erfolgreich. Dennoch muss man sagen, dass der Invest komplett auf unserer Seite liegt und die Monetarisierung journalistischer Inhalte auf Social-Media-Plattformen kaum funktioniert. Das trifft im übrigen auch auf neue KI-Funktionen, wie die Zusammenfassung von Inhalten (Overviews), zu. Sie sind zwar für uns als Nutzer angenehm, werden aber nach meiner Überzeugung langfristig zulasten der Wertschöpfung gehen, sowohl im redaktionellen als auch im kulturellen Bereich, da die Rechte von Unternehmen und Kreativen nicht gewahrt werden und somit der Anreiz für kreative und journalistische Arbeit verloren geht.

Sie engagieren sich bei #UseTheNews und der AG Pressefreiheit. Warum ist Medienkompetenz heute fast genauso wichtig wie Nachrichten selbst?

Sonja Schwetje Beides ist wichtig. Medien-, oder besser gesagt, Informations- und Nachrichtenkompetenz schafft Orientierung in einer Welt, in der viele Menschen nicht mehr wissen, was sie glauben können und was nicht. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte darin zu unterstützen. Bei #UseTheNews finden sie beispielsweise Unterrichtsmaterialien und Erklärhilfen. Es ist schon ein großer Schritt, wenn Menschen sensibilisiert sind, Inhalte nicht leichtfertig zu teilen oder ungeprüft als authentisch einzustufen.

RTL Nord ist ein Auftragsprogramm. Wie tragfähig ist dieses Modell in einer Zeit, in der Social Media und Streaming immer mehr Publikum ziehen?

Sonja Schwetje Wichtig ist, dass Public-Value-Inhalte wie die von RTL Nord sowohl in der linearen als auch in der digitalen Welt auch in Zukunft auffindbar sind und nicht in der Flut von Desinformation untergehen. Derzeit hängt diese Sichtbarkeit von einer kleinen Zahl großer global agierender Plattformen ab, die durch ihre Algorithmen steuern, welche Inhalte welche Zielgruppen in welchem Umfang erreichen. Dass diese Entwicklung nicht im Sinne von Vielfalt und faktenbasierter Meinungsbildung ist, zeigt sich gerade sehr deutlich. Polarisierende Inhalte verbreiten sich schneller als ausgewogene, die Algorithmen dienen den Geschäftsmodellen und Interessen der Konzerne.  Solange es keinen Rahmen gibt, innerhalb dessen Sichtbarkeit und Refinanzierung von Public Value Inhalten gesichert werden, braucht es einen zusätzlichen Schutz durch gesetzliche Regelungen.

Wenn Sie einen Wunsch an Politik und Plattformbetreiber frei hätten: Was müsste sich ändern, damit Regionaljournalismus auch in Zukunft stark bleibt?

Sonja Schwetje Es braucht faire Wettbewerbsbedingungen für private Medienanbieter, die sich im Spannungsfeld zwischen den beitragsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten und den Big-Tech-Plattformen bewegen. Auffindbarkeit und Refinanzierbarkeit journalistischer Inhalte müssen gesichert werden. Darüber hinaus braucht es den Schutz geistigen Eigentums, was besonders mit Blick auf die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz dringlich ist, zum Beispiel bei Funktionen wie AI Overviews. Und am Ende braucht es eine breite gesellschaftliche Rückendeckung für Journalistinnen und Journalisten, die die Pressefreiheit auch in Zeiten von wirtschaftlichem und politischem Druck sichert.

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