Food & Beverage
Frau Otto, Sie haben mit „Frau Ultrafrisch“ ein Unternehmen gegründet, das gesunde Lebensmittel vertreibt. Was hat Sie damals dazu bewegt, diesen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
Janina Lin Otto Schon als Kind habe ich mich sehr für Ernährung interessiert. Ich habe beispielsweise die Rückseiten von Lebensmittelverpackungen genau studiert und mir deren Inhalte eingeprägt. Außerdem habe ich viel Zeit im Garten verbracht, Kräuter gesammelt und mit ihnen gekocht. Später besuchte ich ein Gymnasium mit Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung, wo ich mich intensiver mit diesen Themen auseinandersetzte. Zum Studium zog es mich nach Kiel, wo ich Betriebswirtschaftslehre absolvierte. Meine Diplomarbeit schrieb ich über die Wertschätzung von Lebensmitteln in Deutschland. Anschließend begann ich in der Lebensmittelindustrie zu arbeiten – und stellte schnell fest, dass die Produktions- und Vertriebsweise einiger Produkte nicht mit meinen Werten vereinbar war. Da es mir wichtig ist, für das einzutreten, woran ich glaube, entschied ich mich schließlich, selbst aktiv zu werden. So entstand „Frau Ultrafrisch“, mit dem Ziel, gesunde und nachhaltige Lebensmittel anzubieten.
Unternehmerisches Denken und soziales Bewusstsein prägen Ihren Weg. Welche Eigenschaften braucht es, um Visionen tatsächlich in die Tat umzusetzen?
Janina Lin Otto Das Wichtigste ist Mut – der Mut, den Schritt zu wagen. Gleichzeitig ist eine gründliche Vorbereitung unerlässlich: Dazu gehören nicht nur Planung, Marktanalyse und wirtschaftliche Zielsetzungen. Genauso entscheidend ist die Bereitschaft, Erfahrungen zu sammeln und sich auszutauschen. Offenheit für neue Begegnungen und Chancen gehört ebenfalls dazu. Diese Eigenschaften prägen nicht nur meinen Weg, sondern sind auch etwas, das ich anderen Menschen mitgeben möchte. Rückblickend war es für mich ein logischer Schritt, den ich nie bereut habe.
Sie leben auf einem regenerativen Selbstversorger-Hof. Wie hat diese Erfahrung Ihren Blick auf Nachhaltigkeit, Ernährung und Wirtschaft verändert?
Janina Lin Otto Wir versorgen uns nicht vollständig selbst, aber auf unserem Hof bauen wir Obst, Gemüse, Kräuter und auch Nüsse an. Für mich war dabei immer entscheidend, Dinge nicht isoliert zu betrachten, sondern zu verstehen, dass wir Teil eines Ökosystems sind. Das gilt auch für die Ernährung: Sie beeinflusst direkt, wie wir die Welt gestalten und wie wir in ihr leben. Durch die Arbeit auf dem Hof habe ich eine neue Demut gegenüber Lebensmitteln entwickelt. Allein zu erleben, wie viel Pflege, Wasser und Zeit nötig sind, um Tomaten vom Samen bis zur Ernte zu ziehen, macht die Wertschätzung für Lebensmittel und Natur noch einmal greifbarer. Wenn man dann durch den Supermarkt geht und die fertigen Produkte sieht, wird einem oft gar nicht bewusst, welche Arbeit dahintersteckt. Das Leben auf dem Hof hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, unsere Lebensmittel und die Natur wirklich zu respektieren.
Was bedeutet für Sie regenerative Landwirtschaft – jenseits des ökologischen Aspekts auch im übertragenen Sinn?
Janina Lin Otto Es geht darum, zu verstehen, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Nur im Einklang mit der Natur, mit der Landwirtschaft und dem Anbau können wir eine wirklich gute Zukunft gestalten. Wir stehen weltweit vor vielen Herausforderungen, und die Landwirtschaft ist ein zentraler Bestandteil davon. Sie kann ein Teil der Lösung sein – wenn wir sie so betreiben, dass sie die Natur stärkt, statt sie zu zerstören.
Mit der Holistic Foundation fördern Sie Projekte in den Bereichen lebenslanges Lernen, Berufung, Umwelt und Wohlbefinden. Welche Werte leiten Sie bei dieser Arbeit?
Janina Lin Otto Für uns steht Wertschätzung im Mittelpunkt – für die Natur, für die Menschen und für die Möglichkeiten, die wir haben. Wir legen großen Wert auf Konstruktivität und das gemeinsame Finden von Lösungen, auf ein starkes Miteinander und darauf, die Individualität jedes Einzelnen als Chance und Kraftquelle zu sehen.
Authentizität und Integrität sind uns ebenso wichtig. Gerade in einer Zeit, in der vieles fragil wirkt, ist es entscheidend, zu den eigenen Werten zu stehen. Und nicht zuletzt: Freude. Die Arbeit soll Freude bereiten, denn letztlich sind wir auf der Welt, um das Leben zu genießen.
In welchen Projekten spüren Sie aktuell die größte gesellschaftliche Wirkung Ihrer Stiftung?
Janina Lin Otto Unser Ansatz ist, Projekte zu fördern, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Ein Beispiel sind Initiativen für junge Menschen, wie das Gärtnern an Hamburger Schulen. Hier entsteht Bewusstsein bei Kindern, das langfristig wirkt – auch wenn sich der Effekt kurzfristig nur schwer messen lässt. Wir denken in Generationen: Jedes Kind, das etwas Neues lernt, erzählt vielleicht auch zu Hause davon, und so entsteht ein positives Schneeballsystem. So schaffen wir nachhaltige, indirekte Wirkung, die weit über das einzelne Projekt hinausgeht.
Sie haben bei Ihrem Besuch an der Hamburg Media School mit Studierenden über Nachrichtenmüdigkeit und die Sehnsucht nach positiven Inhalten gesprochen. Warum ist es so wichtig, den Blick auf das Gute zu richten?
Janina Lin Otto Ich halte es für enorm wichtig, dass wir uns in der heutigen Zeit nicht ohnmächtig fühlen angesichts der vielen Herausforderungen, die uns täglich begegnen und große Aufmerksamkeit erhalten. Unser Gehirn verarbeitet negative Nachrichten intensiver als positive – sie bleiben uns stärker im Gedächtnis. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, den Blick bewusst auf Chancen und positive Visionen zu richten. Wir sollten Möglichkeiten aufzeigen, insbesondere jungen Menschen, damit sie nicht den Mut verlieren oder das Gefühl bekommen, es lohne sich nicht mehr, sich für diese Welt und eine gute Zukunft einzusetzen.
Wie gelingt es uns als Gesellschaft, wieder mehr Vertrauen in eine konstruktive, positive Kommunikation zu entwickeln?
Janina Lin Otto Für mich ist der Dialog entscheidend – dass wir wirklich miteinander sprechen, auch mit Menschen, die andere Perspektiven haben. Es ist wichtig, die Vielfalt zu akzeptieren und zu feiern und zu erkennen, dass man nicht in allen Punkten übereinstimmen muss, um zusammenwirken zu können.
Durch die Digitalisierung und soziale Medien sind wir oft in sogenannten Bubbles gefangen. Abweichende Meinungen führen schnell dazu, dass wir uns zurückziehen. Das ist jedoch nicht der richtige Weg. Das Gemeinsame, das Miteinander und das Menschliche prägen uns als Gesellschaft. Gerade in Zeiten von KI und weiteren Veränderungen ist es essenziell, diese Werte hochzuhalten.
Mit der Plattform holi.social möchten Sie Menschen digital vernetzen, die etwas bewegen wollen. Was unterscheidet holi.social von klassischen sozialen Netzwerken?
Janina Lin Otto holi.social wurde in Verantwortungseigentum gegründet, das heißt, die Plattform gehört quasi sich selbst und stellt die Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt. Im Unterschied zu klassischen sozialen Netzwerken verzichtet holi.social auf sich negativ auswirkende Algorithmen. Stattdessen möchte die Plattform Menschen inspirieren, selbstwirksam zu werden und sie positiv miteinander verbinden. Das Ziel ist, dass man nach der Nutzung von holi.social motiviert und gestärkt ist – mit konkreten Möglichkeiten, aktiv und selbstwirksam zu werden – statt sich mit dem Leben anderer zu vergleichen.
Und mit LIFE HAMBURG entsteht ein analoger Ort für Begegnung, Bildung und Kultur. Wie ist diese Idee entstanden – und was ist das Herzstück des Projekts?
Janina Lin Otto Die Idee zu LIFE HAMBURG entstand, als meinem Mann Benjamin und mir klar wurde, dass niemand alle Herausforderungen der Welt alleine lösen kann. Wir möchten Orte schaffen, die Menschen in ihre Stärke bringen, ihnen ermöglichen, ihr Potenzial zu entfalten und sie dabei unterstützen, konstruktiv an den Herausforderungen unserer Zeit zu arbeiten. So entstand Vision für LIFE HAMBURG – ein Ort, der die Vielfältigkeit des Lebens widerspiegelt. Hier gibt es Angebote von Gärtnern mit Gewächshäusern über Kunst und Kultur bis hin zu 3D-Druck und analogen Handwerksfähigkeiten. Zudem umfasst der Ort die von uns gegründete Schule Academy of LIFE, eine Kita und viele weitere ganzheitliche Angebote für lebenslanges Lernen. Ziel ist, Menschen jeden Alters und jeder Herkunft einzuladen, Teil der Gemeinschaft zu werden und den Ort
gemeinsam zu gestalten.
Sie wünschen sich, dass auf dem LIFE HAMBURG-Campus Menschen jeden Alters und jeder Herkunft gleichermaßen willkommen sind. Wie kann gesellschaftliche Teilhabe wirklich gelingen?
Janina Lin Otto Ich bin überzeugt, dass der Schlüssel darin liegt, einen Rahmen zu schaffen – einen Werterahmen, der Menschen zusammenbringt, Sicherheit gibt und Vertrauen aufbaut. Gleichzeitig sollte dieser Rahmen flexibel genug sein, um Kreativität, eigene Erfahrungen und auch das Ausprobieren zu ermöglichen – inklusive Fehlern. Auf dem LIFE HAMBURG-Campus wollen wir Menschen niedrigschwellig die Möglichkeit geben, aktiv zu werden. Wer sich mit Kräutern auskennt, kann anderen zeigen, wie sie diese für Gesundheit nutzen können. Junge Menschen, die programmieren können, können Älteren digitale Fähigkeiten vermitteln. Wir schaffen Räume und Gelegenheiten, inspirieren dazu, Neues auszuprobieren und bewusst etwas zu tun, das man sonst nicht machen würde. Teilnahme und gesellschaftliche Teilhabe gelingen, wenn Menschen neugierig und offen in diesen Ort kommen, ihre Fähigkeiten einbringen und miteinander lernen. Es ist nicht immer trivial, aber genau darum geht es: Menschen dort abzuholen, die Lust haben, gemeinsam zu gestalten.
In einer Zeit, in der viele zwischen digitaler Überforderung und sozialer Entfremdung stehen – kann die Verbindung von Projekten wie holi.social und LIFE HAMBURG ein Modell für die Zukunft sein?
Janina Lin Otto Ja, auf jeden Fall. Ähnlich wie früher der klassische Marktplatz, wo Menschen zusammenkamen, wird LIFE HAMBURG ein Ort des Austauschs und des sozialen Miteinanders sein. Wir sind soziale Wesen und gerade in der Corona-Pandemie haben wir alle gespürt, wie sehr uns der direkte soziale Austausch fehlt. Ich bin überzeugt, dass jede Bewegung auch ihre Gegenbewegung braucht. Digitale Angebote alleine machen nicht glücklich – es braucht das persönliche Miteinander, das In-die-Augen-Schauen, das An-die-Hand-Nehmen. Die Verbindung von digitalen und analogen Projekten wie holi.social, LIFE HAMBURG und der Academy of LIFE kann genau diese Balance schaffen und so ein zukunftsfähiges Modell für Gemeinschaft sein.
Sie sprechen oft über Bildung als Grundlage für Wandel. Was verstehen Sie unter Bildung – über Schule und Universität hinaus?
Janina Lin Otto Ich bin überzeugt, dass Bildung ein lebenslanger Prozess ist. Unsere Welt wandelt sich so schnell, dass niemand jemals ausgelernt hat. Selbst erfahrene Fachleute, wie Medizinprofessoren, müssen sich kontinuierlich weiterentwickeln, zum Beispiel angesichts der Entwicklungen von KI in der Medizin. Früher war Bildung oft linear: Man lernte einen Beruf und übte ihn bis zur Rente aus. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, neue Stärken zu entdecken und auch später im Leben neue Wege einzuschlagen. Bildung bedeutet für mich auch, Diskussionsräume zu schaffen, in denen wir über wichtige Themen sprechen können – sei es über das Schulsystem, zeitgemäße Lehrmethoden oder die optimale Vorbereitung junger Menschen auf das Leben. LIFE HAMBURG und die Academy of LIFE möchten genau solche Räume bieten: Orte, an denen Lernen, Austausch und Weiterentwicklung gelebt werden.
Wenn Sie an die nächste Generation denken: Welche Botschaft möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die ihre eigene Zukunft gestalten wollen?
Janina Lin Otto Ich bin überzeugt, dass kein einzelner Mensch alle Herausforderungen lösen kann – aber eine gute Idee kann die Welt verändern. Wir leben in einer Zeit, in der Leidenschaft, Kreativität und stetige Weiterentwicklung unglaublich viel bewegen können. Deshalb wünsche ich mir, dass junge Menschen ihre Individualität und Einzigartigkeit als Stärke erkennen und ihren eigenen Weg gehen. Gleichzeitig ist es wichtig, offen zuzuhören, was andere zu sagen haben, und daraus das Beste für sich mitzunehmen. Wer so handelt, kann weit kommen und wirklich etwas bewirken.
Und zum Schluss: Was bedeutet für Sie persönlicher Erfolg – zwischen Unternehmertum, Familie und gesellschaftlicher Verantwortung?
Janina Lin Otto Erfolg bedeutet für mich, meine Chancen zu nutzen, dankbar zu sein für das, was ich habe und tun kann, und jeden Tag mein Bestes zu geben. Ein guter Tag ist für mich einer, an dem ich abends mit Freude zurückblicke, zufrieden bin und darauf aufbauen kann, was der nächste
Tag bringt.

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