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rentejobs.de
Hamburgs Antwort auf Altersarmut

Tom Yamaoka, PR-Experte mit langjähriger Erfahrung und Gründer der Yamaoka International Public Relations GmbH, hat etwas getan, was nur wenige wagen: Er hat das Potenzial einer oft übersehenen Gruppe – Menschen über 60 – erkannt und daraus ein erfolgreiches Start-up gemacht.

Im Jahr 2023 gründete er RenteJobs.de, eine Plattform, die Seniorinnen und Senioren in Hamburg Minijobs vermittelt. Die Idee entstand nach einem bewegenden Bewerbungsgespräch mit einer 66-jährigen Kandidatin, die allein wegen ihres Alters nicht einmal mehr zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde.

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Inzwischen haben schauen mehr als 2000 Rentner im Monat auf die Webseite, über 140 Unternehmen suchen über RenteJobs erfahrene ältere Mitarbeiter. Das Projekt bereitet sich bereits auf den Ausbau zu einem überregionalen Netzwerk vor.

In diesem Interview erzählt Tom Yamaoka, wie Menschlichkeit zur treibenden Kraft im Business wird, warum Erfahrung ein Wettbewerbsvorteil ist und was es für ihn bedeutet, einen neuen Standard der Arbeitswelt zu schaffen.

Tom Yamaoka
Tom Yamaoka

Wenn du selbst 67 wärst und 50, 100 oder gar 200 Bewerbungen verschickt hättest – ohne eine einzige Antwort –, hättest du die Kraft, weiterzumachen? Oder hättest du längst aufgegeben?

Tom Yamaoka 200 Absagen zu bekommen, oder überhaupt nur Schweigen, zermürbt jeden Menschen, ganz gleich in welchem Alter. Genau deshalb haben wir RenteJobs ins Leben gerufen: damit Menschen diesen demütigenden Marathon nicht durchlaufen müssen, in dem hunderte Bewerbungen einfach in den „schwarzen Boxen“ der Unternehmen verschwinden.

Ich glaube, dass ich persönlich – selbst mit 67 – stur genug wäre, andere Wege zu suchen: neue Formate auszuprobieren, direkt auf Unternehmen zuzugehen, Gespräche zu führen. Aber ich verstehe sehr gut, dass viele in so einer Situation die Hoffnung verlieren. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es diese Prüfung gar nicht erst gibt. Dass jeder Mensch eine faire Chance bekommt – ohne 200 erfolglose Versuche.

Denn niemand sollte sich allein wegen seines Alters „überflüssig“ fühlen.

Du bringst ältere Menschen zurück ins Berufsleben: Ist das ein Akt der Menschlichkeit oder doch eher ein kluges Geschäftsmodell im Kampf gegen den Fachkräftemangel?

Tom Yamaoka Beides. Ein tragfähiges Geschäftsmodell können Sie nicht entwickeln, ohne Expertise oder zumindest Erfahrung in dem Bereich, den Sie voranbringen wollen. Ich lebe in Winterhude und habe gesehen, wie ein Geschäft nach dem anderen schließen musste – schlicht, weil es kein Personal mehr gab. Gleichzeitig fiel mir immer öfter auf, wie gepflegte ältere Menschen in Mülleimern nach Pfandflaschen suchten. Man muss sich klarmachen, in welcher Situation viele Rentnerinnen und Rentner tatsächlich sind. Wir haben uns die Zahlen angeschaut: Die durchschnittliche Rente liegt oft bei etwa 1.100 Euro. Und wenn es sich um eine Frau handelt, ist sie meist noch niedriger. In Hamburg betrifft das weit über 40.000 Menschen – Tendenz steigend. Hinzu kommt die Inflation.

Das hat mich tief beeindruckt. Deshalb habe ich, als ich eine Büroleitung suchte, bewusst einen unkonventionellen Weg gewählt und eine Mitarbeiterin über 60 eingestellt. Das Bewerbungsgespräch mit unserer heutigen Office Managerin, die damals (im Jahr 2023) bereits im Ruhestand war, aber unbedingt weiterarbeiten und nützlich sein wollte, hat mir dann endgültig die Idee für das Start-up gegeben.

Viele Unternehmen sprechen über Diversität. Aber warum bleibt das Thema „Alter“ fast immer außen vor? Geht es um Angst, Ignoranz oder schlicht um Risikovermeidung?

Tom Yamaoka Es gibt mehrere Faktoren: Erstens besteht die Sorge, dass ältere Mitarbeitende weniger belastbar sind oder neue Technologien nicht schnell genug beherrschen. Zweitens gibt es ein Stück weit Ignoranz – die Gesellschaft schätzt die „jungen und vielversprechenden“ höher, während das enorme Potenzial älterer Menschen oft unsichtbar bleibt. Und drittens vermeiden Unternehmen gern Risiken: Es scheint für viele einfacher, Junge einzustellen, als Stereotype zu durchbrechen und Arbeitsprozesse neu zu denken.

Doch unsere Erfahrungen mit Rentejobs.de zeigen das Gegenteil: Erstens sind viele Babyboomer körperlich in hervorragender Verfassung. Die heutigen 60-Jährigen entsprechen oft den 45-Jährigen von früher. Zweitens sind sie unglaublich zuverlässig. Selbst mit einer Erkältung erscheinen sie zur Arbeit, weil sie Verantwortung ernst nehmen. Eine Studie von Xing belegt: Boomer sind doppelt so loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber wie die 20- bis 30-Jährigen. Sie wechseln nicht ständig die Stelle und verschwinden nicht ohne Ankündigung.

Wer diese Gruppe ignoriert, verschenkt ein riesiges Potenzial, das die Fachkräftelücke spürbar abmildern könnte. Ein weiterer Vorteil: Für viele von ihnen ist der Begriff „Work-Life-Balance“ fremd. Sie sind in einer Kultur aufgewachsen, in der die Arbeit erledigt werden musste – auch wenn man länger blieb. Außerdem sind sie nicht mehr durch familiäre Verpflichtungen gebunden wie junge Eltern.

Natürlich gibt es Bereiche, in denen der Einsatz von Rentnerinnen und Rentnern weniger sinnvoll ist – etwa bei schwerer körperlicher Arbeit auf dem Bau oder bei einem Umszugsunternehmen. Aber in Büros, im Vertrieb oder in handwerklichen Berufen ist ihre Erfahrung ein unschätzbarer Gewinn.

Dein Projekt bricht mit einem gesellschaftlichen Tabu: Arbeiten nach dem Renteneintritt. Hast du schon Kritik gehört nach dem Motto: „Lasst die Alten doch endlich in Ruhe“?

Ja, solche Kritik haben wir durchaus gehört. Manchmal fällt die Reaktion sehr emotional aus: „Wie kann man jemanden mit 55 schon Rentner nennen?“ oder „Lasst die Menschen endlich ausruhen.“ Ich verstehe diese Emotionen, denn in unserer Kultur ist das Stereotyp tief verankert, dass die Rente ein Schlusspunkt ist – der Moment, in dem man aufhören soll.

Doch die Realität sieht anders aus. Es gibt Berufe, in denen der Ruhestand schon mit 55 beginnt – etwa bei Pilotinnen, spezielle Gruppen bei der Bundeswehr oder z.B. Fluglotsen. Und es gibt viele Menschen, die nach ihrem offiziellen Renteneintritt noch arbeiten möchten und können. Für sie ist das keine Last, sondern eine Chance, aktiv zu bleiben und sich gebraucht zu fühlen.

Darum sage ich, wenn jemand „Lasst die Alten in Ruhe“ ruft: Geben wir ihnen lieber selber die Wahl. Denn die größte Ungerechtigkeit ist es, einem Menschen das Recht zu nehmen, selbst zu entscheiden, ob er weiterarbeiten will oder nicht.

Würdest du persönlich deine eigene Mutter oder deinen Vater mit 75 noch arbeiten lassen – oder gibt es für dich ein Alterslimit, das man nicht überschreiten sollte?

Ehrlich gesagt würde ich die Frage nie so stellen, als müsste ich meine Mutter oder meinen Vater „zum Arbeiten schicken“. Es muss immer ihre eigene Entscheidung sein. Wenn sie sich mit 75 gesund fühlen, Lust haben, aktiv zu bleiben, und darin einen Sinn sehen – warum nicht? Dann kann Arbeit sogar Energie geben, neue Kontakte ermöglichen und das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden.

Genauso legitim ist es aber, wenn jemand in diesem Alter sagt: „Ich möchte Ruhe und Erholung.“ Es gibt keine allgemeingültige Grenze. Das Einzige, was wirklich zählt, ist: Jeder Mensch soll eine Wahl haben.

Denn das eigentliche Problem entsteht, wenn jemand arbeiten muss, weil die Rente nicht reicht und keine Alternative bleibt. Viele Kreative und Selbstständige haben über 40 Jahre jeden Tag gearbeitet, aber nie genug verdient um regelmäßig genug in die Rentenkasse ein zu zahlen.

Darum gilt für mich: Alter ist weder Verbot noch Urteil. Es ist immer eine persönliche Entscheidung. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass diese Entscheidung auch wirklich frei möglich ist – und nicht nur theoretisch.

Wenn RenteJobs in diesem Tempo wächst, werden wir in zehn Jahren in Hamburg eine neue Klasse von „RenteJobbern“ sehen?

Tom Yamaoka Ich halte das für absolut realistisch. Schon heute zeigt sich, dass immer mehr ältere Menschen aktiv bleiben wollen – und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen. Arbeit stiftet Sinn, strukturiert den Tag und hilft, soziale Kontakte zu pflegen. Wenn sich unser Projekt weiterentwickelt, könnte in Hamburg tatsächlich eine neue Klasse von „RenteJobbern“ entstehen – Menschen, die Erfahrung, Verlässlichkeit und den Wunsch, nützlich zu sein, miteinander verbinden.

Davon profitiert übrigens auch die Wirtschaft: Unternehmen gewinnen motivierte Mitarbeitende, die sich oft durch eine besonders hohe Loyalität auszeichnen. Und die Gesellschaft insgesamt überwindet das Klischee, Alter sei gleichbedeutend mit dem Ende von Aktivität. Deshalb könnte „RenteJobs“ in zehn Jahren genauso selbstverständlich zum Arbeitsmarkt gehören wie heute Studierende oder Freelancer.

In Deutschland sprechen wir gern vom „Fachkräftemangel“. Aber liegt das eigentliche Problem nicht eher in einem „Überschuss an Vorurteilen“?

Tom Yamaoka Ja, genau – Sie haben damit meinen zentralen Punkt getroffen. Es gibt Stereotype, dass ältere Menschen weniger belastbar seien, sich mit Technik schwer tun oder nicht anpassungsfähig genug seien.

Das Beispiel unserer Plattform Rentejobs.de zeigt jedoch: Wenn man diese Vorurteile überwindet, öffnet sich ein enormes Arbeitskräftepotenzial. Ältere Menschen arbeiten erfolgreich im Handwerk, im Servicebereich, in Büros oder bei spezialisierten Aufgaben. Sie sind zuverlässig, diszipliniert und oft bereit, Jobs auch am Wochenende zu übernehmen, da sie ja in der Woche frei haben.

Was wäre für dich der größere Erfolg: tausend Rentnerinnen und Rentner, die über Minijobs eine Anstellung finden – oder ein einziges Unternehmen, das sagt: „Ab sofort stellen wir ganz selbstverständlich auch Bewerberinnen und Bewerber über 60 ein“?

Es geht hier um Qualität statt Quantität. Tausend Rentnerinnen und Rentner, die dank RenteJobs eine Minijob-Stelle finden, sind bereits ein riesiger Erfolg – denn das sind echte Lebensgeschichten von Menschen, die sich wieder gebraucht und selbstständig fühlen.
Aber wenn ein großes Unternehmen sagt: „Wir sind grundsätzlich offen für Bewerberinnen und Bewerber über 60“, dann kann das die Einstellungskultur viel tiefgreifender verändern.

Ein solches Unternehmen würde zum Vorbild für andere werden, Vorurteile aufbrechen und einen Dominoeffekt auslösen. Am Ende profitieren nicht nur tausend, sondern zehntausende oder sogar hunderttausende Menschen.

Darum würde ich es so formulieren: Für mich persönlich ist jede einzelne Person, die eine Stelle findet, ein kleiner Sieg. Aber der echte Durchbruch kommt erst dann, wenn große Firmen ihren Ansatz systematisch ändern. Und genau dafür arbeiten wir – damit beide Szenarien Realität werden.

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