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Jörg Pilawa über seinen Werdegang
Einfach passiert

Dein Lebenslauf liest sich wie eine Aneinanderreihung von Umwegen. War das ein Plan – oder pures Improvisieren?
Jörg Pilawa Ich kann über mein Leben auch sagen „Spontanität will wohlüberlegt sein!“. Spaß beiseite, tatsächlich habe ich lange gebraucht, um meinen Weg zu finden. Als ich 1985 in Hamburg Abi gemacht habe, wusste ich noch nicht, welcher Weg für mich richtig sein könnte.
Was hast du aus den Monaten im Kibbuz für dein späteres Leben mitgenommen?
Jörg Pilawa Tatsächlich durfte ich als Stadtkind zum ersten Mal im Kuhstall, auf dem Feld und beim Abwaschen für hunderte Kibbuzniks meinen Körper an Stellen spüren, die mir unbekannt waren. Aber für mich war es auch die Möglichkeit in der digitalen Steinzeit, meinen Horizont über Hamburg Poppenbüttel hinaus zu erweitern. In Israel habe ich Volunteers aus Australien, Südafrika, den USA und Südamerika kennengelernt. Heutzutage haben unsere Kinder jederzeit Zugriff auf die ganze Welt über ihre Handys. Für mich waren diese Monate vor 40 Jahren der erste Kontakt mit der Welt jenseits der deutschen Grenzen.
Du hast Medizin und Geschichte studiert, bist dann aber in die Medien gegangen. Was war der Moment, in dem dir klar wurde: Das ist mein Weg?
Jörg Pilawa Das war schleichend. Ich habe zunächst in den Medien zu jobben begonnen, weil ich mir mein Studium finanzieren wollte. Es folgten jedoch sehr spannende Aufbruchsjahre in den Medien. Ich war bei R.SH und hatte wirklich alle Möglichkeiten. Der private Rundfunk war eine Medienrevolution. Die Hörerinnen und Hörer suchten vor 40 Jahren nach einem anderen Radioprogramm. Ich hatte das große Glück, in meiner Karriere oft zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
Warum hat dich das Quiz-Genre so lange fasziniert?
Jörg Pilawa Das Quiz ist wie eine Wundertüte. Ich weiß als Moderator nie, was heute in der Sendung drinnen ist. Die Zutaten sind immer ähnlich, Fragen mit Antwortalternativen. Was es zur Wundertüte macht, sind die Kandidatinnen und Kandidaten. Ist es heute das Brain oder habe ich es mit einer Person zu tun, die so aufgeregt ist, dass sie ihren Namen vergisst. Ist es der Überhebliche, den ich etwas auf den Quizboden holen darf oder der Zurückhaltende, sich selbst Unterschätzende, den ich groß machen darf. Es sind die Menschen, die mich immer noch am Quiz reizen.
Wie schaffst du es, dich in einer Medienwelt zu behaupten, die ständig neue Gesichter sucht?
Jörg Pilawa Die Antwort steckt in deiner Frage. Die Medienwelt sucht neue Gesichter, der Zuschauer sucht aber Verlässlichkeit. Wenn ich eine Sendung mit Barbara Schöneberger, Günther Jauch und auch Joko und Klaas einschalte, weiß ich, was ich bekomme. Dennoch ist es wichtig, dass ich bereit bin, mich auch weiterzuentwickeln und das tun die eben erwähnten geschätzten Kolleginnen und Kollegen ständig. Wenn ich dazu nicht bereit bin, verabschiedet sich der Zuschauer mit der Fernbedienung von mir.
Was unterscheidet den privaten Jörg Pilawa vom Moderator Jörg Pilawa?
Jörg Pilawa Ganz viel und dann wieder ganz wenig. Den Beruf des Moderators kannst du nicht spielen, du musst authentisch und „echt“ sein, sonst nimmt dir der Zuschauer nichts ab. Andererseits komme ich privat sehr gut mit meiner Familie und Freunden ohne Antwortalternativen A, B oder C aus.
Du bist inzwischen auch Produzent. Was reizt dich daran, die andere Seite zu steuern?
Jörg Pilawa Nach weit über 30 Jahren weiß ich schon sehr genau, was ich für eine erfolgreiche Sendung brauche. Das kann ich als eigener Produzent viel besser umsetzen. Für mich war es aber als Moderator auch immer wichtig, mit Mitbewerbern zu produzieren, nur so entgehst du der
Betriebsblindheit.
Wann war dir klar: Ich bin eine Marke?
Jörg Pilawa Wenn dich der Zuschauer über Jahre in sein Wohnzimmer lässt, wirst du immer mehr zu einer Marke. Bei mir habe ich es medial gemerkt, als ich mir in einem Interview den Titel „Quizonkel“ gegeben habe und die Medien es wie selbstverständlich übernommen haben. Bei den Zuschauern merke ich es, wenn im Supermarkt jemand auf mich zukommt und sagt „Herr Pilawa, haben Sie mal eine Frage für mich?“...
Wie hältst du es mit Kritik – sowohl von Medien als auch von Zuschauern?
Jörg Pilawa Immer auf den Absender achten! Kritik vom Zuschauer bedeutet mir schon viel und die gucke ich mir genau an. Aber auch dabei gibt es Unterschiede. Es gibt Sätze, von denen weiß ich, es wird Kritik geben. Mir sitzt z. B. ein Kandidat gegenüber und der sieht für sein Alter sehr jung und fit aus und ich frage ihn „Wie jung sind Sie?“. Ich bekomme garantiert Kritik von pensionierten Oberstudienräten, die mich darauf hinweisen, dass es nur die Frage gibt „Wie alt und nicht wie jung sind sie?“: Aber auch hier hat sich über die Jahre viel verändert, die Digitalisierung macht das Kritisieren viel einfacher. Ich muss nicht mehr ein Blatt Papier in die Schreibmaschine spannen, einen Briefumschlag frankieren und zur Post bringen, nein, ich kann vom Sofa aus, ohne auf Orthografie zu achten, digital mal einen „absetzen“.
Was bedeutet dir heute Erfolg? Hat sich das über die Jahre verändert?
Jörg Pilawa Es hat sich definitiv verändert. Als ich mit meinem Job angefangen habe, war immer die Angst dabei, morgen kann es vorbei sein. Heute bin ich viel entspannter und realistischer. Das Brutale an meinem Job ist, Erfolg ist von vielen Faktoren abhängig, die du gar nicht beeinflussen kannst. Auf dem Papier wird dir eine großartige Programmidee präsentiert, die Umsetzung wird aber zur Katastrophe. Oder wir haben eine sehr gute Sendung produziert, nur leider wird sie gegen ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft programmiert und wird deshalb vom Zuschauer nicht gefunden. Erfolg ist in den Medien schwer zu planen.
Wenn du auf deine Karriere schaust – gibt es eine Entscheidung, die du bereust?
Jörg Pilawa Definitiv. Heute sehe ich es gelassener. Ich möchte nicht von Fehlern sprechen, sondern von Erfahrungen, und das Ziel kann nur sein, beim nächsten Mal die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Was macht dich im Leben wirklich glücklich – jenseits des Studios?
Jörg Pilawa Ich habe jetzt zu meinem 60. viel über mein Leben nachgedacht und mich an die schönen, glücklichen Momente erinnert und das war immer Zeit mit Familie und Freunden.
Welches Format würdest du gern noch moderieren, das du bisher nicht bekommen hast?
Jörg Pilawa Den Champions-League-Sieg des HSV... Okay, nicht alle Formatwünsche werden in Erfüllung gehen...
Was sollen die Leute in zehn Jahren über Jörg Pilawa sagen?
Jörg Pilawa Da gab es mal so ein lineares Fernsehen und der Herr P. war als „Quizonkel“ ein Teil davon.
Abseits der Kamera engagierst du dich seit Jahren in sozialen Projekten wie „Schau hin!“, Welthungerhilfe oder Tafel Deutschland. Was treibt dich an, dich einzubringen?
Jörg Pilawa Tatsächlich finde ich es zwingend, dass Menschen des öffentlichen Lebens sich sozial engagieren. Wir können auf Missstände, auf Ungerechtigkeiten oder Notwendigkeiten hinweisen. Gleichzeit bekommt dadurch aber auch das Ehrenamt eine größere Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Wir meckern viel, vergessen aber auch, dass wir viele großartige Menschen in unserem Land haben, die nach dem Motto leben: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“. Fast 30 Millionen Menschen sind in Deutschland ehrenamtlich tätig und halten unseren Laden zusammen. Mein Engagement ist auch meine Form, mich bei den Ehrenamtlichen zu bedanken.
Gibt es ein Projekt oder Engagement, das dich besonders emotional berührt oder nachhaltig verändert hat?
Jörg Pilawa Die Tafeln liegen mir sehr am Herzen. Es beschämt mich, dass Millionen Menschen in der immer noch drittgrößten Volkswirtschaft der Welt auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Und was auffällt, die Armut ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wenn ich bei der Essensausgabe mit einer Rentnerin spreche, die 40 Jahre als Sprechstundenhilfe gearbeitet hat, zwei Kinder großgezogen hat und nun von ihrer Rente allein nicht leben kann, sondern von Lebensmittelspenden abhängig ist, macht mich das wütend.
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