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Till Brönner
Ciao

Sie haben Ihre Kindheit in Rom verbracht. Welche Bilder, Düfte und Klänge aus dieser Zeit tragen Sie bis heute in sich – als Mensch und als Künstler?
Till Brönner Rom war für mich eine Schule der Sinne. Ich erinnere mich an das Licht, das über den Tiber fällt, an den Duft von Mimosen und paradiesisch leckeren Restaurants, aber auch Kaffee, Putzmittel und heißer Stein. Nicht zu vergessen die vielen Kirchen und das Flair der 70er. Diese Eindrücke haben mich früh gelehrt, dass Atmosphäre alles ist – in der Musik wie im Leben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich Klänge immer auch als Farben und Gerüche empfinde.
Was hat Sie bewogen, gerade jetzt ein Album voller italienischer Anklänge zu veröffentlichen?
Till Brönner Beweggrund für ein italienisch inspiriertes Album „Italia“ ist für mich eine Hommage an das Land, das mich immer wieder inspiriert hat. Es geht nicht um Folklore, sondern um ein Lebensgefühl – um Wärme, Stil, Sinnlichkeit, ein gewisses Stilbewusstsein nie zu unterschreiten. Nach den letzten Jahren, in denen vieles distanziert und digital war, wollte ich etwas schaffen, das wieder Nähe und Menschlichkeit ausstrahlt.
In Ihrem neuen Werk schwingt viel Nostalgie der 70er/80er-Jahre mit. Welche musikalischen Elemente dieser Zeit faszinieren Sie besonders?
Till Brönner Ich liebe die Eleganz dieser Zeit – die Streicherarrangements, die analogen Synthesizer, das Songmaterial und die Weltgewandtheit dieser Zeit. Es war eine Ära, in der Musik noch atmen durfte und sich nicht generell auf dem Prüfstand befand. Diese Ästhetik wollte ich auf „Italia“ wieder spürbar machen, ohne sie zu kopieren.
Sie sprechen von der „Magie des Handgemachten“. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen damals und heutigen, digital geprägten Produktionen?
Till Brönner Handgemachtes hat eine Seele. Früher saßen Musiker gemeinsam im Studio, man hörte das Atmen, das kleine Zittern im Ton. Heute kann man alles nachbearbeiten, aber das Leben selbst – das Unperfekte – ist durch nichts zu ersetzen. Diese Haltung teile ich auch beim Kochen: gute Zutaten, ehrliche Zubereitung, kein Schnickschnack.
Improvisation ist das Herz des Jazz. Wie überträgt sich dieses Prinzip auf Ihre Leidenschaft fürs Kochen?
Till Brönner Improvisation ist das Herz des Jazzmusikers. Beim Kochen wie beim Spielen geht es darum, den freien Fall nicht zu scheuen. Alles jedoch auf der Basis von Grundwissen und einem soliden Gerüst. Man möchte fliegen, aber auch sicher zur Erde zurückkehren. Und morgen ist ein neuer Tag.
In Ihrem Kochbuch „Ciao Roma“ teilen Sie Rezepte aus Ihrem privaten Repertoire. Gibt es Gerichte, die für Sie denselben emotionalen Wert haben wie ein Song?
Till Brönner Ein Gericht wie Spaghetti aglio olio e pepperoncino ist für mich der Inbegriff von „Semplicità“: einfach, aber voller Raum für Nuancen. Es trägt Erinnerung, Emotion und Geschichte in sich. Manche Rezepte aus „Ciao Roma“ sind wie kleine Flashbacks in meine Kindheit.
Wie gelingt es Ihnen, Ihren Kindern die Freude an gutem Essen und handwerklicher Küche zu vermitteln?
Till Brönner Ich habe versucht, meinen Kindern früh zu zeigen, dass Essen weit mehr ist als bloße Nahrungsaufnahme. Wenn es dann aber doch mal schnell gehen muss, hagelt es in der Folge auch sofort ungläubige Blicke.
Sie bezeichnen sich selbst als „Fan von Melancholie“. Welche Rolle spielt Melancholie als kreatives Potenzial für Ihre Musik?
Till Brönner Melancholie ist für mich keine Schwäche, sondern ein Motor. Sie verleiht Tiefe, sie macht offen für Zwischentöne. Daraus kann sehr gute Musik entstehen – aus dem Wissen, dass Schönheit oft im Vergänglichen liegen kann.
Ihr neues Album verbindet Leichtigkeit mit Tiefe. Was kann Musik – oder ein gutes Essen – heute leisten, wo vieles künstlich und schnelllebig erscheint?
Till Brönner In einer Welt, die immer schneller wird, sehnen wir uns nach Dingen, die echt sind. Musik und Essen haben die Kraft, uns zu entschleunigen. Ein gutes Gericht oder ein ehrlicher Song können uns daran erinnern, was wirklich zählt: Gefühl, Zeit, Aufmerksamkeit.
Auf „Italia“ arbeiten Sie mit Gästen wie Giovanni Zarrella und Mandy Capristo. Was war Ihnen bei der Auswahl dieser Stimmen wichtig?
Till Brönner „Italia“ ist eine Hommage aus deutsch-italienischer Sicht, ganz klar. Sowohl Giovanni als auch Mandy bringen neben ihren brillianten Stimmen dieses besondere Verständnis und die Glaubwürdigkeit mit. Neben Chiara Civello, Sera Kalo und Mario Biondi also die perfekte Wahl.
Sie werden bald mit dem Album auf Tour gehen. Wie möchten Sie das italienische Lebensgefühl live transportieren?
Till Brönner Ich möchte, dass wir für zwei Stunden die Zeit anhalten, das ist stets mein Credo. Es wird nicht nur um Musik gehen, sondern um Atmosphäre – um das Gefühl, gemeinsam das Leben und die Freundschaft zu feiern.
Bonn, Rom, Hamburg – drei prägende Städte in Ihrem Leben. Was bedeutet Heimat für Sie heute?
Till Brönner Heimat ist für mich kein Ort, sondern ein Gefühl. Rom hat mich früh geprägt, Bonn hat mich geformt, Berlin gab mir Verständnis für Realität im vereinigten Deutschland. Und es gäbe für mich so einige andere Beispiele von LA bis New York.
Ihr neues Album „Italia“ hat bei Amazon Music und in den Download-Charts Spitzenpositionen erreicht. Was bedeutet Ihnen dieser unmittelbare Zuspruch des Publikums?
Till Brönner Dass „Italia“ so viele Menschen erreicht, freut mich sehr. Es zeigt, dass Musik, die aus dem Herzen kommt, immer ihren Weg findet – unabhängig von Trends oder Formaten. Dieser Zuspruch ist ein großes Geschenk.
Ihr aktuelles Album „Italia“ steht auf Spotify neben Ihrem großen Backkatalog und vielen Kollaborationen. Wie nehmen Sie selbst die Unterschiede zwischen klassischen Verkäufen, Downloads und Streaming wahr?
Till Brönner Unterschied zwischen Verkäufen, Downloads und Streaming Ich bin mit physischen Alben groß geworden – das Cover, der Geruch, das Ritual des Auflegens. Streaming ist als Technik unumkehrbar. Dabei durchaus problematisch. Ein langes Thema für einen Berufsmusiker. Am Ende zählt, dass die Musik Menschen erreicht, die sie zum Teil ihres Lebens machen wollen.
Zwischen physischem Album, Download und Streaming liegen Welten – und doch bleibt die Musik dieselbe. Was bedeutet es Ihnen, Ihre Kunst heute in so vielen unterschiedlichen Formaten teilen zu können?
Till Brönner Ich empfinde es als Vorteil, dass Musik Menschen noch leichter als je zuvor erreichen kann. Das ist jedoch kein Freifahrtschein für die Entwertung von Musik. Könnte sie jeder im Handumdrehen selber machen, würden wir das sicher beobachten. Honorierung dieser Fähigkeit bleibt daher für den Fortbestand dieser emotionalen Sprache von großer Bedeutung.
Till Brönner ist Deutschlands erfolgreichster Jazz-Trompeter und ein Grenzgänger zwischen Musik, Fotografie und Kulinarik. Mit „Italia“ widmet er sich erstmals konsequent seinen italienischen Wurzeln und legt ein Album vor, das mediterrane Leichtigkeit und handwerkliche Tiefe verbindet. Während er bei Amazon Music und in den Download-Charts Spitzenplätze erreicht, zeigt sich auf Spotify die Realität des Streamings – eine spannende Konstellation, über die er ebenso offen spricht wie über seine Liebe zur Improvisation und zum Kochen. Ein Gespräch über Herkunft, Handwerk und den Sound eines neuen Kapitels.
Cia Roma
In „Ciao Roma“ nimmt Jazz-Trompeter Till Brönner uns mit auf eine kulinarische Reise durch seine Kindheit in Rom. Das Buch verbindet persönliche Erinnerungen, stimmungsvolle Fotos und klassische römische Rezepte – von Antipasti über Pasta bis zu Desserts. Mit leicht verständlichen Anleitungen, Menüideen, Wein- und Musiktipps können Leser authentische italienische Gerichte zu Hause nachkochen. Ergänzt durch kleine Anekdoten aus Brönners Alltag entsteht ein facettenreiches Porträt der römischen Genusskultur. Ciao Roma ist eine Einladung, den Geschmack und das Lebensgefühl Italiens in all seinen Nuancen zu erleben.
Ciao Roma - Meine Lieblingsrezepte aus der ewigen Stadt
Hardcover, 208 Seiten
Verlag: Tre Torri
ISBN: 978-3960331872
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